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Festspielzeit Winter 2017

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

KLEINES LAND – GROSSES

KLEINES LAND – GROSSES SPEKTAKEL VORARLBERG VON AUSSEN BETRACHTET VON CHARLES E. RITTERBAND VORARLBERG Ein Privatjet, nonstop aus Port-au-Prince, mit dubiosen Gestalten an Bord, landet direkt vor dem Festspielhaus Bregenz, durch die menschenleere Fußgängerzone von Feldkirch brausen schwarze Limousinen mit Bösewichten an Bord, das Publikum der Seebühne in festlicher Kleidung (Black Tie) scheint den grandiosen Klängen der Tosca zu lauschen und jener gigantischen Inszenierung mit dem riesigen Auge im Mittelpunkt zu folgen – tatsächlich wird mit dunklen Absichten über verborgene Kopfhörer kommuniziert, während, übertönt von der dramatischen Musik Puccinis, in der Küche des Festspielhauses eine wilde Schießerei abgehalten wird: James Bond alias 007 ist in Bregenz angekommen, in seinem 22. Thriller unter dem Titel A Quantum of Solace: Riesenaufwand, 1500 Statisten, und sehr viel Action. Mit dieser spektakulären Filmproduktion zwischen Feldkirch und Bregenz als Schauplätzen hat das einst als verschlafen geltende »Ländle» zwischen Arlberg und Bodensee vor neun Jahren spektakulär den Anschluss an die große Welt der global agierenden MI6-Agenten und der skrupellosen Supergangster zelebriert – doch in Wirklichkeit ist diese kleine Welt mit ihren knapp 400.000 Einwohnern, dieses zweitkleinste Bundesland Österreichs, längst mit der Welt verknüpft: durch Eine Kleinstadt mit lebendigem Freizeit- und Kulturangebot: die Vorarlberger Landeshauptstadt Bregenz. Firmen, deren Präzisionsprodukte überall auf dem Globus anzutreffen sind, durch die Resorts der Superlative Lech und Zürs, wo gekrönte Häupter ihre Urlaube verbringen und philosophische Seminare sowie Konzerte der Spitzenklasse geboten werden, mit einer top-modernen Ski-Infrastruktur und architektonischen Meisterleistungen auf internationalem Niveau – und, eben, mit den Bregenzer Festspielen, die jedes Jahr ein Opernprogramm auf die Seebühne und ins stilvolle Festspielhaus bringen, das sich spielend mit den renommiertesten Opernfestivals der Welt messen kann – aber mit dem Mehrwert des stimmungsvollen landschaftlichen Rahmens am abendlichen Ufer des Bodensees. Ich gebe zu – ich bin beeindruckt. Dieses kleine Land, das sich mit alemannischem Understatement »Ländle« nennt und zugleich ganz groß in der globalen Liga mitspielt, weil es seine Stärken gezielt und mit einem beeindruckenden – dem Nachbarland Schweiz in nichts nachstehenden – Qualitätsbewusstsein einzusetzen weiß, hat meine Hochachtung. Viel früher allerdings war Vorarlberg für mich eine wenig beachtete »Transitzone«, auf meinen häufigen Reisen zwischen meiner Heimatstadt Zürich und der Donaumetropole Wien. Ich wunderte mich höchstens über die vielen unfertigen, unverputzten Häuslein, die hier anzutreffen waren – und die mich in meinen Vorurteilen über 38

Wer sich von Vorarlberg einmal selbst ein Bild machen möchte: Die gläserne Aussichtsplattform des Dornbirner Hausbergs Karren bietet einen imposanten Rundumblick über das Rheintal bis zum Bodensee. KLEINES LAND – GROSSES SPEKTAKEL ein enges Häuslebauer-Land zu bestärken schienen. Später kamen die Studienjahre in St. Gallen, man überquerte öfter mal die Grenze am Rhein, um günstig essen zu gehen in einem Vorarlberg, das einem eher provinziell vorkam. Wenig ahnte ich damals von den verborgenen Schätzen Vorarlbergs … Inzwischen längst in Wien wohnhaft, blicke ich nicht mehr ostwärts über den Rhein, sondern westwärts, hinter die Berge, hinter den Arlberg. Und plötzlich ist Vorarlberg für mich etwas ganz anderes geworden: ein wundervolles Stück Österreich, das meiner Schweizer Heimat in vielen positiven Dingen gleicht, und wo mir die Menschen im Allgemeinen freundlicher, bescheidener und ehrlicher vorkommen als im Osten Österreichs. Der provinzielle Nachgeschmack hat sich verflüchtigt – stattdessen stoße ich hier auf kulturelle Höchstleistungen in Musik (Bregenzer Festspiele, Schubertiade), heimischer Holz- und Museumsarchitektur, auf gepflegte Kulinarik mit lokalen Produkten, auf eine abwechslungsreiche Landschaft zwischen der unspektakulären Harmonie des Bregenzerwalds und den spektakulären Bergwelten zwischen Montafon und Arlberg. All dies verkörpert für mich das entzückende kleine, mit Vorarlberger Understatement ausgesprochene Wort »ghörig«, das so viel bedeuten kann – vor allem aber eine Art Gütesiegel, das die hohen Ansprüche gewährleistet, welche der Vorarlberger an sich selbst stellt und dem Besucher bieten will. CHARLES E. RITTERBAND ist ein Schweizer Autor, Journalist und politischer Kommentator. Jahrelang war er für die Neue Zürcher Zeitung als Auslandskorrespondent tätig, zuletzt für Österreich. Seit 2001 lebt er in Wien. Die Bregenzer Festspiele besucht er regelmäßig. 39

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