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Festspielzeit Frühling 2015

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

MEIN KONSTANTIN WECKER

MEIN KONSTANTIN WECKER PUCCINI von Konstantin Wecker 30

Giacomo Puccini spielt in meinem Leben eine immense Rolle. Und zwar wegen meines Vaters. Er war Tenor, kein sonderlich erfolgreicher trotz seiner schönen Stimme, die alle an Jussi Björling erinnerte. Er hat mir einmal gestanden, dass er Angst vor Publikum hatte. Und dann kam im Gegensatz dazu die Rampensau Sohn, die Angst hat, kein Publikum zu haben. Er war nicht auf den Bühnen der Welt zuhause, sondern er war zu Hause – und das war mein Glück. NESSUN DORMA »Nessun dorma« war eine seiner Lieblingsarien. Ich habe viel Verdi mit ihm gesungen. Puccini war für mich als Knabe schwieriger, aber ich war auch eine gute Mimì. Zum Glück kam ich erst sehr spät, mit 14 Jahren, in den Stimmbruch. Wir haben die großen Liebesduette gesungen, das hatte etwas sehr Anrührendes. Mein Vater, 1915 geboren, stammte aus einer Generation, in der man den Sohn kaum anfasst. Eine Umarmung war schon etwas Eigenartiges. Aber innerlich waren wir sehr verbunden durch die ganzen Liebesduette. Wir haben auch Franz Schubert und Robert Schumann gesungen und italienische Oper. Von dort habe ich auch mein Pathos, das berühmte Wecker-Pathos, das mir oft zum Vorwurf gemacht wurde. Wir hatten Schellack-Platten mit Maria Callas und Renata Tebaldi. Ich konnte kein Wort Italienisch und habe vollkommen das Pathos dieser Damen übernommen. Wir sind kaum in die Oper gegangen, weil wir wenig Geld hatten. Die Oma hat mich ab und zu mitgenommen, und als Student war ich dann oft in der Bayerischen Staatsoper ganz oben auf den Stehplätzen. TENOR, DICHTER ODER OPERNKOMPONIST? Mein Vater wollte, dass ich Tenor werde – ich wollte Opernkomponist werden. Schon als Jugendlicher habe ich sehr viele Lieder im Stil Schuberts und Schumanns komponiert. Es gibt nur noch wenige Noten, aber die Melodien weiß ich heute noch. Ich habe schon sehr früh korrepetiert. Wir hatten manchmal andere Korrepetitoren im Haus – meistens Verehrer meiner Mutter, die gut Klavier spielen konnten. Ich habe bald auch andere Sänger begleitet. Mir war also schon früh klar, dass ich einen musikalischen Weg gehen möchte. Aber nicht als Opernsänger. Denn mit der Pubertät bin ich um einige Oktaven aus dem Paradies in die Niederungen meiner Fleischlichkeit gefallen. Vorher konnte ich alles singen, ich bin bei den Regensburger Domspatzen eingesprungen, ich konnte vom Blatt singen. Das war alles selbstverständlich: Wir haben Fußball gespielt und anschließend gesungen. Ich bin kein Opernkomponist geworden, weil ich mit 12, 13 Jahren die Lyrik entdeckt habe. Und da ich die italienischen Opern nur in den deutschen Übersetzungen kennengelernt habe, war das für mich tabu, im Vergleich zu Georg Trakl oder Rainer Maria Rilke. Ich dachte mir, dass kannst du nicht machen. PUCCINI – DIE ERFÜLLUNG Über Verdi kam ich zu Puccini und das war für mich die absolute Erfüllung. Ich habe auch als Pubertierender nie aufgehört, Puccini zu lieben. Was mich bei Puccini fasziniert, ist die niemals endende Melodie, die mit einer direkten Spirale in den Himmel führt, und die unglaublich raffinierte Orchestrierung. Mein Klavierpartner Johannes Barnikel sagte neulich, als wir ein bisschen Puccini spielten, dass die Musik am Klavier beinahe zu kitschig klingt. Aber die Orchestrierung ist einfach auf den Punkt und wahnsinnig schlau. In meiner Studentenzeit musste ich Puccini vehement verteidigen. Wie Tschaikowsky ist er als Kitschonkel angegriffen worden. Man hat ihn »Frauenkomponist« genannt; als ob es ein Makel wäre, dass Frauen solche Musik hören. Vielleicht hat sich meine Liebe zu ihm dadurch noch gesteigert, dass ich so für ihn kämpfen musste. Wenn ich geheim mit Musikern gesprochen habe, haben sie ihn alle geliebt! Kurz vor dem Tod meiner Eltern habe ich die ganze Familie Wecker nach Verona eingeladen, zur Madama Butterfly. Mein Vater hat sichtbar in seinem ganzen Leben nie eine Träne vergossen, obwohl er ein sehr gefühlvoller Mensch war, aber das hat man in dieser Zeit einfach nicht gemacht. Beim Blumenduett fange ich das Weinen an, schaue zu meinem Vater herüber und sehe eine Träne. Und bei meiner Mutter auch. Also Familie Wecker hat beim gleichen Takt zu weinen begonnen. Das war äußerst anrührend. Da kann mir jeder musikwissenschaftliche Vorbehalt völlig egal sein. Wenn es jemand schafft, so zu rühren, dann ist er ein ganz großer Musiker! Ich habe geglaubt, dass eine Geliebte, die nicht stirbt, dich nicht wirklich geliebt haben kann. Ich war lange Zeit der Meinung, dass die große Liebe mit der Schwindsucht enden muss. Ich habe auch nie daran gezweifelt, dass es falsch sei, dass Menschen auf Bühnen stehen und MEIN PUCCINI 31

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