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Festspielzeit Frühling 2017

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

OPER IM FESTSPIELHAUS

OPER IM FESTSPIELHAUS Gioachino Rossini ist besonders als Komponist komischer Opern wie L’italiana in Algeri, Il turco in Italia, Il barbiere di Siviglia oder La Cenerentola bekannt, die alle vor Mosè in Egitto (Moses in Ägypten) geschrieben wurden. Abgesehen vom biblischen Stoff, wie verändert sich Rossinis Musik in dieser ernsten Oper? Enrique Mazzola: Ich bin davon überzeugt, dass das musikalische Material in Rossinis ernster Oper schon in seinen vorherigen komischen Opern präsent ist: einige Teile aus Barbiere, die gesamte Rolle der Cenerentola (Aschenputtel) und in dieser Oper die ganze Rolle des Alidoro. Zum Beispiel Alidoros Arie »Là del ciel nell’arcano profondo«: Das ist eine »ernste« Arie im Kontext einer komischen Oper. Und in Rossinis noch früheren Opern finden wir die gleiche Mischung von Ernstem und Komischem. Irgendwie resorbieren Tancredi, Otello und natürlich Mosè das Erbe der komischen Opern, indem sie die ernsten Charaktere hinzufügen. Nicht zuletzt ist bei Rossini die Grenze zwischen ernsthaft und komisch so subtil! Man muss sich nur vorstellen, dass die weltberühmte Ouvertüre zu Il barbiere di Siviglia ursprünglich für die ernste Oper Aureliano in Palmira geschrieben wurde. Wenn wir heute das bekannte Allegro-Thema hören und es als komische Melodie verstehen, sollten wir es uns in einer Ouvertüre zu einer ernsten Oper vorstellen. Dann bekommt es eine ganz andere Bedeutung. Es ist die eigene Wahrnehmung, die ein Rossini-Thema ernsthaft oder komisch macht. In einem Brief an seine Mutter kurz vor der Uraufführung von Mosè in Egitto schrieb Rossini: »Ich habe das Oratorium fast beendet, und es läuft sehr gut. Das Werk hat jedoch höchstes Niveau, und ich weiß nicht, ob diese Makkaronifresser es verstehen werden.« Worin bestand das Neue und Herausfordernde für Rossinis Publikum zu dieser Zeit? Die große Herausforderung für Rossini war es, eine Oper zu schreiben, die nicht als Oper, sondern offiziell als »tragisch-sakrale Handlung« präsentiert werden musste, denn während der Fastenzeit war die Aufführung von Opern aus Respekt vor der Religion nicht erlaubt. Die Lösung für die Kirche, den Staat, die Opernhäuser und natürlich das Publikum bestand darin, Opern mit einer starken biblischen oder religiösen Handlung aufzuführen. Rossini machte sich Sorgen, einen so »hohen« kompositorischen Stil benutzt zu haben, der von seinem eigenen Publikum nicht mehr verstanden werden könnte. Aber die Zuschauer in Neapel erkannten Rossinis Ideen und sein Genie sehr gut. Abgesehen von einigen – vor allem bühnentechnischen – Problemen bei der Uraufführung 1818 wurde die Oper ein großer Erfolg. Das berühmteste Stück aus der Oper wurde ein Jahr nach der Uraufführung für die Wiederaufnahme komponiert. Das Gebet der gefangenen Israeliten wurde in Italien ähnlich berühmt wie Giuseppe Verdis Gefangenenchor aus Nabucco. Was macht diese Nummer so kraftvoll? Es ist der dramaturgische Moment, der dieses Stück so grandios macht: Es ist gegen Ende der Oper, es ist ein tragischer Moment, und dennoch eröffnet Rossini dem Publikum einen imaginären Raum mit einem langsamen, symbolisch aufgeladenen Chor. Doch was verführte das damalige Publikum (und heutige ebenso!) wirklich? Schauen wir uns die Musik näher an: Ein simples Thema in g-Moll wird von Moses, dann von Aaron und schließlich von Elcìa gesungen, immer im Wechsel mit der Antwort des Chores in B-Dur. Bis hierher ist alles recht gewöhnlich. Doch das wirklich Besondere ist die letzte Wiederholung, von allen gesungen in einem plötzlichen, unerwarteten, sonnigen, grandiosen G-Dur. Eine echte Glanzleistung! Zwei sehr unterschiedliche Gefühlszustände kommen in der Oper zum Ausdruck: das Erschrecken über die Plagen, die der jüdische Gott den Ägyptern schickt, und die leidenschaftliche heimliche Liebe des Pharaonensohns und der Hebräerin Elcìa. Wie macht Rossini diese Gefühle erfahrbar? In gewisser Weise sind die Plagen das Einfachste für Rossini. Er benutzte das ganze Orchester, um Effekte für die verschiedenen Plagen aufzubauen: durch lange »Die eigene Wahrnehmung macht Rossinis Musik ernsthaft oder komisch.« 12 Momente von »tutta forza«, lange Crescendi oder den Einsatz von Schlaginstrumenten wie der Triangel, um die Ankunft des Lichts nach der Dunkelheit darzustellen. Die leidenschaftliche Liebe wird in typischer Rossini-Sprache erzählt. Sind nicht auch Tancredi und Amenaide genauso leidenschaftlich und geheim? Ist nicht auch in den Buffo-Opern die gegenwärtige Liebe immer etwas Unerreichbares, Entferntes? Das ist für Rossini in

Bereits 2016 war Enrique Mazzola bei den Bregenzer Festspielen zu erleben. Im Rahmen der Orchesterkonzerte spielten die Wiener Symphoniker unter seiner Leitung Werke von Verdi, Donatoni und Donizetti. MOSES IN ÄGYPTEN seiner Ablehnung der romantischen Ästhetik etwas sehr Wichtiges: Liebe wird als etwas Erhabenes angesehen, als eine Darstellung von Liebe und als ein Gefühl, das wir alle haben, aber nicht wirklich erleben können. Rossinis theatrale »Liebe« ist immer unmöglich, und wenn sie möglich ist, dann ist sie – ahimè – nicht wahrhaftig! 1827 wurde die französische Version der Oper unter dem Titel Moïse ou Le passage de la Mer rouge in Paris aufgeführt, die auch in Italien Erfolg hatte und Mosè in Egitto bis 1981 von den Spielplänen verdrängte. Warum bevorzugen Sie die originale italienische Version? Prinzipiell bin ich ein großer Freund von ersten Opernversionen. Ich dirigierte zum Beispiel die erste Version von Donizettis Poliuto und Wagners Der fliegende Holländer, die sich beide sehr von den späteren Versionen unterscheiden. Ich finde in den ersten Ideen der Komponisten immer die direktesten Botschaften an das Publikum, die unmittelbarsten und aufrichtigsten musikalischen Lösungen für das Libretto. Ganz zu schweigen davon, dass Mosè in Frankreich eine Art frühe Grand opéra mit einem Akt zusätzlich und einem Ballett wurde – sehr weit entfernt von der ursprünglichen Idee, eine Art Kompromiss. Die Regisseurin unserer Inszenierung, Lotte de Beer, brachte die überraschende Idee der Zusammenarbeit mit Hotel Modern auf. Dieses Theaterkollektiv wird kleine Objekte und Puppen auf der Bühne bewegen, die per Video übertragen werden. Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für den Dirigenten? Ich freue mich sehr auf die Arbeit mit Lotte und Hotel Modern. Als Dirigent habe ich das Privileg, die Inszenierung immer von einem der »besten Plätze« aus zu sehen, in der ersten Reihe. Ich werde die Oper dirigieren und eine Aufführung in der Aufführung sehen. Ich bin sehr offen für neue Ideen in der Oper und denke, die größte Herausforderung wird sein, das perfekte Timing zwischen Musik und Live-Video zu finden. Die Fragen stellte Olaf A. Schmitt. ENRIQUE MAZZOLA ist seit 2015 Musikdirektor des Orchestre national d'Île-de-France. Der in Barcelona geborene Italiener zählt zu den gefragtesten Dirigenten seiner Generation. Zuletzt dirigierte er unter anderem am Opernhaus Zürich, an der Metropolitan Opera New York sowie beim Festival in Glyndebourne. OPER IM FESTSPIELHAUS MOSES IN ÄGYPTEN Gioachino Rossini Tragisch-sakrale Handlung in drei Akten (1818|19) | Libretto von Andrea Leone Tottola | In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln Premiere 20. Juli 2017 – 19.30 Uhr Vorstellungen 23. Juli – 11.00 Uhr 31. Juli – 19.30 Uhr | Festspielhaus 13

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