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Festspielzeit Frühling 2017

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

BREGENZER FESTSPIELE

BREGENZER FESTSPIELE Moses und die Geschichte des biblischen Exodus sind der Archetyp der Flucht, schon seit mehr als zweitausend Jahren, einer Flucht, die zugleich die Suche nach einem gelobten Land ist. In der modernen Migrationsforschung redet man gerne von Pushund Pull-Faktoren. Das klingt sehr gelehrt. Aber für die Menschen, die einen unerträglich gewordenen Ort verlassen und nach einem Land suchen, in dem Milch und Honig fließen, ist die Soziologie keine große Hilfe. Sie glauben an ein gelobtes Land, weil der Ort, an dem sie sind, ihnen keine Perspektive mehr bietet. Und der Mythos des gelobten Landes – gar eines, das ihnen zusteht – macht es erträglicher, die Brücken abzubrechen, zu jenem Ort, den sie nun verlassen und den sie eigentlich lieben. Ganz gleich, ob es die »Pilgrim Fathers« waren, die es in die Neue Welt zog, oder die Walser, die über die Alpenpässe gingen, oder die biblischen Völkerschaften. So kann man ins Exil gehen, an einen Ort, an dem man darauf wartet, ins Ungewisse zurückzukehren. Oder man kann ein Exil hinter sich lassen und zum wahren Selbst, zum »richtigen« Ort aufbrechen. Zu jenem Ort, der einem »versprochen« worden ist. Und zwar von ganz oben. Immer wieder, auch tausende Jahre später kann man diesen Mythos weiterspinnen und jenen Ort, zu dem hin man einst (ob Abraham oder Moses) aufgebrochen ist oder an den es einen, was wahrscheinlicher ist, einst verschlagen hat, zum Ziel einer »Rückkehr« erklären. Moses und der Exodus, der Aufbruch von den »Fleischtöpfen« Ägyptens dorthin, wo Milch und Honig fließen, ist die Urerzählung aller Aufbrüche ins Unbekannte, die zugleich eine Rückkehr sein sollen. So wie so viele Mythen, die von der Rückkehr in ein Paradies erzählen. Doch was ist, wenn diese Suche immer nur an einen Ort führt, an dem jemand anderes schon sein Paradies entdeckt zu haben glaubt? Welcher unendliche Zirkel von Unterdrückung und Flucht, Aufbruch und Eroberung, Verdrängung und ... Flucht verbirgt sich hinter der Erzählung vom Exodus und von den Wassern, die sich auf wundersame Weise teilen, um die Flüchtenden hindurchzulassen und die Verfolger zu verschlingen? Ich gehe an einem anderen Ufer entlang, am Strand von Tel Aviv. Auch dort sind Mythos und Gegenwart einander begegnet und begegnen sich noch heute. »Tel Aviv Beach«, davon schwärmen die Israelis und die Europäer und Amerikaner, ja sogar die Palästinenser (hinter vorgehaltener Hand), die – wenn sie in Israel leben oder in Jerusalem –, ebenfalls so manchen freien Tag hinunter an die Küste fahren. Ich gehe an diesem Ufer entlang, an dem sich vor 80 Jahren und danach die Badenden und die Flüchtlinge trafen, all die Menschen, die von den gestrandeten Flüchtlingsschiffen heruntergeholt wurden, hier oder anderswo an der Küste Palästinas. Die Menschen, die aus Europa vor den Nationalsozialisten flohen, aus Bregenz und aus Berlin, aus Wien oder aus irgendwelchen Dörfern. Meine Eltern waren darunter. Sie sollten sich ein paar Jahre nach ihrer Flucht nur einen Steinwurf vom Tel Aviver Strand entfernt kennenlernen. Bis die Sehnsucht nach der deutschen Sprache (und nach dem alemannischen Dialekt meiner Mutter), nach Bratkartoffeln und Fleischtöpfen, dem Schwarzwald, nach deutscher Literatur und politischer Utopie sie wieder nach Deutschland zurückzog. Von dort, wo sie sich damals kennenlernten, als der Krieg schon begonnen hatte, der alles verwüstete, gehe ich am Strand nach Süden. Ab und zu ein Blick nach rechts, über das Meer nach Europa. Über das Meer, über das heute wieder Flüchtlingsschiffe fahren, in die andere Richtung. Am Strand lärmen die schönen und auch die weniger schönen jungen Menschen, und keiner denkt an Flüchtlingsschiffe, weder dorthin noch hierher. Am Horizont der Kirchturm von Jaffa, der langsam näher kommt. Links die Türme der Hotels und Apartmenthäuser und Büros, mit denen sich die Stadt vom Meer abzuschirmen beginnt. Irgendwann wird die Stadt neben mir unförmig, zwischen Betonblöcken unwirtliches Gelände, neu angelegte Die israelische Gesellschaft steckt fest im Patt zwischen ihrer Utopie eines »jüdischen Staates« und ihrer Realität einer multikulturellen Gesellschaft. Parks und Parkplätze. Bis hier hinaus reichte einst Jaffa. Eine Stadt, von der nur der Name übrig geblieben ist. Vor siebzig Jahren tobte hier ein Bürgerkrieg mit Terror – und Terroristen – auf beiden Seiten. Die meisten arabischen Einwohner von Jaffa, viele tausende, wurden ins Meer getrieben, retteten sich auf 6

SPIELZEIT 2017 Ein Tag am Strand in Tel Aviv. Vor 80 Jahren trafen hier Badende und Flüchtlinge aufeinander. 7

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