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Festspielzeit Frühling 2018

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

SPIEL AUF DEM SEE Sie

SPIEL AUF DEM SEE Sie waren schon 2017 als Don José auf der Seebühne zu sehen. Was hat Ihnen in Bregenz am besten gefallen? Daniel Johansson: Eigentlich alles: der Ort, die Kollegen, das Team – auch die Bühne! Ich freue mich schon sehr darauf zurückzukehren. Don José ist eine wichtige Partie in Ihrem Repertoire; Sie gaben Ihr Rollendebüt vor drei Jahren in der bekannten Carmen-Inszenierung von Calixto Bieito, Sie waren Don José an der Semperoper in Dresden und in Bregenz. Wie empfinden Sie diese Figur? Er hat schon etwas Psychotisches an sich, finde ich, doch das hängt auch von der Inszenierung ab. In Prosper Mérimées Novelle ist er eine gefährliche, finstere Gestalt, die Menschen fürchten ihn. In der Oper ist er eher ein Choleriker; er neigt zu Aggressionen und hat im Zorn einen Mann getötet, so dass er seine Heimat verlassen musste und in die Armee eintrat. Ich finde es gar nicht so leicht, Sympathie für ihn aufzubringen – doch man muss versuchen, ihn zu verstehen. Warum ist er so eifersüchtig, warum verletzt es ihn so tief, dass Carmen ihn verlassen will? Und warum ist er ihr überhaupt so verfallen? Man kann viele Facetten zeigen, er ist ein ganz moderner Charakter. Das Gegenbild zu Carmen, die auf ihrer Freiheit besteht, ist Micaëla, die ihm Treue anbietet ... Don José hat Micaëla und sein Dorf verlassen; er will nicht zurück, sondern mit der Vergangenheit abschließen. Sicher schämt er sich für seine Tat und die Schande, die er über seine Familie, seine Mutter gebracht hat. Wer weiß, ob er jemals zuvor wirklich verliebt war? Und da kommt Carmen. Nicht nur Don José, alle sind hinter ihr her. Vielleicht möchte er besitzen, was alle begehren, um sich selbst vor den anderen zu beweisen. Die anderen sehen ihn als Muttersöhnchen und ziehen ihn auf, er solle schön brav sein ... Vielleicht will er erst nur zeigen, was er für ein Kerl ist, doch dann verliebt er sich in sie. Und wo er herkommt, ist Liebe für immer. Er ist zu naiv, um zu begreifen, was sie ihm die ganze Zeit sagt: dass es eben nicht für immer sein wird. Mit den Spielkarten im Bühnenbild unterstreicht die Bregenzer Inszenierung das Motiv des Schicksals, das Verhängnisvolle dieser Geschichte. Was ist Psychologie, was Vorsehung? Don José ist nicht so vom Gedanken der Vorsehung besessen wie Carmen. Es ist zwar sein Los, ihr Mörder zu werden, aber ich glaube nicht, dass er sich vom Schicksal getrieben fühlt. Sie hingegen … In manchen Inszenierungen provoziert sie ihn nicht einmal, sondern ist einfach sie selbst. Auch bei uns möchte sie bloß Abschied nehmen, doch das erträgt er nicht. Dabei versucht auch er, es nicht geschehen zu lassen, er wiederholt ja: Nein, ich will dich nicht töten, ich will unsere gemeinsame Zukunft – doch dann zerbricht etwas in ihm. Skandinavische Thriller sind Bestseller im deutschsprachigen Raum. Kasper Holten, der Regisseur von Carmen, ist Däne; Stefan Herheim, mit dem Sie 2015 in Bregenz Hoffmanns Erzählungen gemacht haben, Norweger: Können Skandinavier besonders gut von Grausamkeit und düsteren Leidenschaften erzählen? Ehrlich gesagt bin ich kein Krimileser. Carmen ist meine erste Zusammenarbeit mit Kasper Holten, auch wenn ich zuvor schon in seiner La traviata-Inszenierung gesungen habe. Mit Stefan Herheim habe ich Hoffmanns Erzählungen, Salome und La Bohème erarbeitet. Beide sind großartige Regisseure, doch ich könnte nicht sagen, dass ihr Blick auf die Abgründe besonders ausgeprägt ist. Beide kennen die menschliche Natur sehr genau und entwickeln daraus auf unterschiedliche Weise ihre Regiearbeit. Die Arbeit mit Kasper war besonders, denn die Seebühne in Bregenz ist sehr speziell, da kann man kein Kammerspiel machen. Was er mit Es Devlin, die dieses großartige Bühnenbild entworfen hat, geschaffen hat, ist unglaublich. Was dachten Sie, als Sie zum ersten Mal auf der Seebühne standen? Als Allererstes: Was habe ich für ein Glück, hier zu sein! Es ist ein absolut »Es ist gar nicht so leicht, für Don José Sympathie aufzubringen« 22 fantastisches Gefühl, auf dieser Bühne zu stehen, die gewaltige Zuschauertribüne zu sehen und zu wissen, dass wir sie jeden Abend füllen werden. Wenn die Proben anfangen, vergisst man die großen Entfernungen erst einmal. Doch dann, wenn man wirklich spielt – agiert und reagiert –, kann es passieren, dass man sich auf einmal erschöpft fühlt. Man muss sich erst an die Ausmaße gewöhnen

CARMEN DANIEL JOHANSSON gehört zu den aufstrebenden Talenten und ist europaweit in Opern- und Konzerthäusern unterwegs. Der schwedische Tenor war 2015 erstmals in Bregenz als Hoffmann in der gefeierten Aufführung von Hoffmanns Erzählungen (Regie: Stefan Herheim) zu sehen. 2017|18 kehrt er als Don José in Carmen zurück. und die Kräfte gut einteilen. Aber es ist großartig, dort zu spielen – in diesem riesigen Raum ohne Wände. Mit Höhenangst hatten Sie nie zu kämpfen? Nein, zum Glück nie. Ich bin früher geklettert. Überhaupt ist die Bregenzer Carmen eine sportliche Herausforderung: Sie haben spezielle Trainings absolviert, Sie müssen ins kalte Wasser ... … ja, die Kampfszenen spielen wir selbst, dafür haben wir mit dem Stuntchoreographen Ran Arthur Braun trainiert. Die wirklich gefährlichen Sachen – zum Beispiel die Sprünge ins Wasser – übernehmen professionelle Stunt-Männer und -Frauen. Ganz am Ende, wenn ich Carmen ertränke, gehe ich auch ins Wasser und schwimme ein bisschen; das Wasser im Bodensee ist warm genug. 23 Spüren Sie während der Aufführung etwas vom Publikum? Weniger als in einem Opernhaus, nicht nur wegen der Entfernung, sondern auch, weil die Tonübertragung sehr laut ist. Aber wir hören natürlich den Applaus am Schluss – und auch zwischendurch nach den berühmten Nummern. Letzten Sommer hatten wir außerdem etwas Pech mit dem Wetter; auch Wind macht es schwerer, Zuschauerreaktionen mitzubekommen. Aber für mich gibt es da noch einen Aspekt: Das riesige Bühnenbild mit den Spielkarten zwingt uns dazu, große Schritte zu machen und zu springen; das erhöht die Action und macht die inneren Kämpfe der Figuren körperlich sichtbar. Alle Spieler müssen »gegen« diese Bühne arbeiten, und auch das Wetter trägt dazu bei – je schwieriger die Bedingungen, desto mehr muss man kämpfen. Schlechtes Wetter hat also nicht nur Nachteile.

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