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Festspielzeit Frühling 2018

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

Kaum ein Ort der Welt

Kaum ein Ort der Welt ist religiös so aufgeladen wie Rom, das noch heute Zentrum der katholischen Kirche ist. Welche Rolle spielt der Ort der Handlung für die Inszenierung? OPER IM FESTSPIELHAUS Der Ort spielt natürlich eine große Rolle, weil er das Herz nicht der Religion, aber der Kirche, der Institution ist. In Rom kann man am leichtesten erkennen, wie gewisse theatrale Mechanismen funktionieren, eben weil es die Keimzelle unserer katholischen Kirche ist und wir im Theater ganz Ähnliches machen. Das ist sicher eine kühne These: Es treffen sich Menschen an einem Ort, um in diesem Moment zu glauben, dass das Erlebte wahr oder wahrhaftig ist und uns erheben kann. Nur: Im Theater wissen wir, dass es sich um eine Illusion handelt. Dennoch wollen wir dahin gehen, weil uns dieser Glaube innewohnt, gerade in der kollektiven Form einer anonymen Masse. Es sind diese Momente, in denen man sich auf einen Inhalt konzentriert, aus dem Räderwerk des Alltags heraussteigt und dadurch ruhiger wird und der Zeit entflieht. Dabei kommt man auch sich selbst näher, wodurch eine Form von Trost entsteht. Das ist unter Umständen das Wichtigste, was den Glauben ausmacht, und das Schönste an ihm: dass er zu trösten vermag. Teilweise natürlich wider besseres Wissen, aber das ist nicht schlimm. In dem Moment, in dem wir an nichts mehr glauben, erscheint mir die Welt verloren! Ursprünglich in englischer Sprache komponiert, wird Goldschmidts Oper nun erstmals in der von ihm angefertigten deutschen Fassung aufgeführt werden. Welche Gründe sprechen für die deutsche Sprache in dieser Oper? Für mich bestand von Anfang an die Schwierigkeit, dass ein Komponist im Exil eine Handlung erzählt, die Beatrice Cenci lebte im Rom des 16. Jahrhunderts. Gemeinsam mit ihrer Stiefmutter Lucrezia wurde sie 1599 auf dem Platz der Engelsburg (im Bild hinten links) hingerichtet. dann wiederum in einem anderen Land stattfindet – zur Option stehen also Italienisch, Englisch und Deutsch. In dieser Situation fand ich es spannender, die Oper auf Deutsch spielen; das scheint mir selbst auch Goldschmidts Wunsch gewesen zu sein. Dadurch bekommt es für uns noch einmal eine Schärfe, weil das deutsche Wort hier anders funktioniert als das englische. Indirekt ist die Tatsache, das Stück auf Deutsch aufzuführen, schon ein Statement, gerade wegen der Zeit, in der es entstanden ist. Viel mehr lässt sich dem auch nicht hinzufügen, weil es in den meisten Fällen offensichtlich ist, warum Goldschmidt gewisse Stellen so komponiert hat. Schon musikalisch wird deutlich, was Goldschmidt zu der Zeit ausdrücken wie auch anklagen wollte. Die deutsche Sprache hilft uns dabei. Italienisch hätte ich wiederum für falsch gehalten. Aber vieles findet in dem Spannungsverhältnis zwischen Deutsch und Italienisch statt. In diesem Kontext wäre für mich auch Englisch falsch gewesen, da es eine Distanz aufgebaut hätte. JOHANNES ERATH spielte nach einem Violinstudium in der Orchesterakademie der Wiener Philharmoniker, bevor er sich der Opernregie zuwandte. In den vergangenen Jahren inszenierte er unter anderem an der Oper Frankfurt, Semperoper Dresden, den Staatsopern Hamburg und München sowie der Oper Graz, wo er für Die tote Stadt mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis ausgezeichnet wurde. 8

MÖRDERISCHE GESCHICHTE IN BELCANTO-GESTALT BERTHOLD GOLDSCHMIDTS BEATRICE CENCI Die Oper erzählt die wahre Geschichte von Beatrice Cenci, der 1577 in Rom geborenen Tochter des Edelmanns Francesco Cenci. Dieser besitzt mehrere Paläste in Rom und genießt sein ausschweifendes Leben. Seine Familie und Feinde behandelt er verächtlich und gewalttätig. Für seine Verfehlungen kauft er sich bei der Kirche frei, der er mehrere seiner Besitztümer überlassen muss. Beatrice, ihr Bruder Bernardo und ihre Stiefmutter Lucrezia versuchen, sich gegenseitig zu trösten. Beatrice hofft, sich mittels eines Gesuchs an den Papst aus dem väterlichen Haus befreien zu können. Der Prälat Orsino, dem sie früher ihre Liebe gestanden hat, verspricht, ihr zu helfen. Auf einem Fest erhebt Graf Cenci freudig das Glas auf den Tod seiner beiden Söhne. Beatrice bittet die Gäste um Hilfe. Kurz darauf rächt sich ihr Vater, indem er seine Tochter vergewaltigt. Nach dem Geständnis eines der beiden Mörder werden Beatrice und Lucrezia gezwungen, ihre Mitschuld nicht länger zu leugnen. Sowohl Camillo als auch Bernardo ersuchen vergebens die päpstliche Gnade. Öffentlich werden die beiden Frauen hingerichtet. Berthold Goldschmidt, der 1935 aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach England floh und bis zu seinem Tod 1996 in London lebte, hatte den Stoff bereits 1923 durch Stendhals Novelle kennengelernt. Doch erst 1949 ermöglichte ihm die Teilnahme an einem britischen Opernwettbewerb, den Text nach Percy Bysshe Shelleys Drama The Cenci von 1819 zu vertonen. Obwohl die Wettbewerbsjury Goldschmidts Entwurf prämierte, kam es nicht zu der in Aussicht gestellten Aufführung. Erst 1988 wurde das Werk konzertant in London uraufgeführt, die szenische Erstaufführung folgte 1994 in Magdeburg. Eine »richtige Belcanto-Oper« sei es geworden, sagte Goldschmidt über seine Oper, die mit einem ergreifenden Requiem für die beiden hingerichteten Frauen endet. BEATRICE CENCI Als Zeuge ihrer Qualen offenbart Orsino Beatrice und Lucrezia seinen Plan, Cenci töten zu lassen, und heuert zwei Mörder an. Kurz nach der Tat möchte Kardinal Camillo dem Grafen eine Botschaft des Papstes überbringen, der von Cenci Auskunft über die jüngsten Anschuldigungen erwartet. Die Ermordung des Grafen wird entdeckt, die beiden Frauen werden festgenommen. 9

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