Aufrufe
vor 2 Jahren

Festspielzeit Frühling 2019

  • Text
  • Schurken
  • Onegin
  • Bosse
  • Quijote
  • Quichotte
  • Brahms
  • Jordan
  • Verdi
  • Festspiele
  • Festspiele
  • Oper
  • Rigoletto
Das Magazin der Bregenzer Festspiele

OPER IM FESTSPIELHAUS

OPER IM FESTSPIELHAUS Kaum eine literarische Figur lässt so viele Bilder im Kopf entstehen wie Miguel de Cervantes' Don Quijote. Welche Gedanken löste das Angebot, eine Oper über diese Gestalt zu inszenieren, im ersten Moment aus? Mariame Clément: Einige Opern konfrontieren uns tatsächlich so sehr mit kulturellen und literarischen Mythen, dass sie erdrückend sein können; das ist bei Don Quichotte der Fall, aber ich hatte das gleiche Gefühl, als ich zum Beispiel für Claudio Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria angefragt wurde. Ganz zu Beginn ist man gleichzeitig überschwänglich und eingeschüchtert in der Auseinandersetzung mit solch monumentalen Werken. Aber – wie letztlich immer – rettet uns vor der Panik, sich in die Arbeit zu stürzen: Cervantes' Don Quijote lesen, in Massenets Oper eintauchen, über die Arten nachdenken, in denen der Mythos über die Jahrhunderte hinweg gelesen, verstanden, interpretiert und bearbeitet wurde. Das Interessante an diesen fundamentalen Werken über die großen Mythen ist tatsächlich, dass sie eine Konversation unter dreien auslösen. Gewöhnlich befinden wir uns im Dialog nur mit der Oper, die wir inszenieren. Hier ist es ein Hin und Her zwischen Cervantes, Massenets Oper und meiner Lektüre dieser beiden Werke. Das ist extrem bereichernd und ergiebig. Ich empfinde auch eine immense Dankbarkeit: Dank dieser Inszenierung hatte ich das Privileg, Cervantes' Roman Don Quijote zu lesen, den ich bisher nur in Auszügen kannte. Eine der außergewöhnlichsten literarischen und intellektuellen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Jules Massenets Oper ist eine eigenwillige und musikalisch farbenreiche Interpretation dieses großen Stoffes. Worin liegt die Faszination dieser Oper? Als ich anderen davon erzählte, dass ich diese Oper inszenieren werde, war ich überrascht, wie viele Menschen sie besonders mögen, während ich selbst sie zuvor kaum kannte. Ich traf zum Beispiel viele Bässe, die mir gestanden, dass sie diese Rolle sehr gern singen oder davon träumen, sie zu interpretieren. Das ist offenbar zuallererst Massenets Musik geschuldet. Als Komponisten habe ich Massenet kennengelernt, als ich vor einigen Jahren Werther inszeniert habe. Wie viele Menschen hatte ich anfangs Befürchtungen, auf ein etwas kitschiges oder fades Werk zu stoßen – doch ich habe genau das Gegenteil entdeckt. Massenet schrieb einfach eine unglaublich ehrliche Musik, die keine Angst vor Gefühlen hat. Das ist vielleicht der Grund, warum er als »Komponist von Frauenmusik« verachtet und etikettiert wurde. Auch die Partitur von Don Quichotte ist reichhaltig, abwechselnd opulent oder filigran, gleichzeitig voller Humor, aber vor allem sehr direkt gefühlsbetont. Was Don Quichotte zweifelsohne zu einem einzigartigen Werk macht: mit dieser »Frauenmusik« von einem männlichen »Helden« zu erzählen. Und obwohl aus vielerlei Perspektiven Massenets Oper ein schrecklicher Verrat an Cervantes' Buch ist, gibt es darin einen Punkt, den ich packend finde und der tatsächlich eine essenzielle Sache im Mythos Don Quijote berührt: die Fragestellung nach der Idee des »Helden«, die zwangsläufig männlich ist, aber in der die »Manneskraft« recht schlecht behandelt wird. Wie lässt sich die Veränderung von Cervantes' Roman zur Oper beschreiben und was bedeutet sie für das Regiekonzept? Um ehrlich zu sein, war ich zu Beginn etwas deprimiert wegen der Verkümmerung, die der Roman in der Adaption des Librettos erleiden musste. Die Figur, die am offensichtlich am meisten darunter leidet, ist Dulcinea. Im Roman – das ist ohne Zweifel eine der genialsten Erfindungen des Buchs – ist Dulcinea eine Illusion: In Wirklichkeit ist sie eine einfache Bäuerin, etwas vermännlicht mit einem Geruch von Knoblauch, die in Don Quijotes Vorstellung zu der Dame wird, die er für die Konstruktion seiner Ritter- » Massenets Musik ist unglaublich ehrlich und hat keine Angst vor Gefühlen. « persönlichkeit benötigt. Das ist natürlich sehr witzig, aber auch eine geniale Metapher für die Tatsache, dass jede Liebe notwendigerweise eine Projektion ist. Für Massenet war es offenbar schwer vorstellbar, eine zentrale Frauenrolle zu schreiben, die ein ungehobelter, schlecht riechender Klotz ist. Dulcinée wird ein reizendes Ding, irgendwo zwischen Célimène in Molières Menschenfeind 22

und Roxane in Cyrano de Bergerac. Ich habe schnell verstanden, dass es unmöglich wäre zu versuchen, bei Dulcinée eine Verbindung zur Figur des Romans herzustellen: Es galt diese »Verfälschung« zu akzeptieren. MARIAME CLÉMENT studierte Literatur und Kunstgeschichte in ihrer Heimatstadt Paris. Für ihre Promotion kam sie nach Berlin, wo sie auch erste Erfahrungen als Regieassistentin sammelte. Gemeinsam mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Hansen arbeitete sie seit 2014 u. a. an der Opéra du Rhin Strasbourg, Opéra national de Paris, am Royal Opera House Covent Garden, Theater an der Wien und beim Glyndebourne Festival. OPER IM FESTSPIELHAUS DON QUICHOTTE Jules Massenet Premiere 18. Juli 2019 – 19.30 Uhr Vorstellungen 21. Juli – 11.00 Uhr 29. Juli – 19.30 Uhr Festspielhaus Im Gegenzug erscheint die Reflexion über den »Helden«, von der ich sprach, treffend, um sich heute mit Massenets Oper auseinanderzusetzen. Cervantes' Don Quijote ist gleichzeitig ein Held (der es ablehnt, sein moralisches und literarisches Ideal fallenzulassen in einer Welt des Werteverlusts – klingt das nicht heute nach?) und ein Anti-Held (der sich stetig lächerlich macht durch seine Aktionen mit katastrophalen Folgen). Diese Komplexität macht die Genialität des Romans aus. Generell ist Massenets Don Quichotte eher »heroisch«, abgesehen von der unausweichlichen Episode mit den Windmühlen. Aber (und hier ist Massenets »weibliche« Musik ausschlaggebend): Er ist ein Held mit Sinn für Poesie, der sich auf emotionale Weise ausdrückt, kurz gesagt ein Held, der im klassischen Sinn nicht männlich ist. Deshalb kann sich Dulcinée öffentlich nur über ihn lustig machen, ein bisschen wie die Mädchen in modernen Filmen die »Nerds« vor den anderen Studenten zurückweisen: Sie sind nicht männlich genug, um ihrer würdig zu sein. Doch wenn sie mit ihm allein ist, gesteht sie ihm durch die Blume ihre Liebe. Und außerdem erweist sich der »Nerd« als Held, der die Heldin verführt, wie der Superheld des Kinos. Diese Fragestellung über Heldentum und Männlichkeit finde ich schon bei Cervantes, es gibt sie bei Massenet und sie ist wesentlich heute. Cervantes' Buch arbeitet mit verschiedenen Perspektiven: Ein Mann, der sehr viele Ritterromane gelesen hat, zieht als selbst ernannter Ritter durch die Welt, immer wieder gespiegelt durch die Stimme des Autors. Mehrere Jahrhunderte später bearbeiten ein französischer Komponist und Librettist diesen Stoff und beschränken sich auf wenige Episoden. Massenets letzte Oper ist auch eine Art Abschiedswerk. Welche Bedeutung haben diese unterschiedlichen Perspektiven für die Inszenierung? Die Handlung von Massenets Oper hat mit Cervantes' Roman eigentlich wenig zu tun. Abgesehen von dem Windmühlen-Akt sind die Episoden der anderen Akte eine Erfindung des Librettisten. Außerdem besteht Cervantes' Roman aus Episoden, aus Geschichten in der Geschichte, die der Erzählung einen fragmentarischen Charakter geben. Manchmal verliert man beim Lesen den Faden, manchmal weiß man nicht mehr, auf welcher Ebene man sich befindet. Das hat mich dazu inspiriert, die allzu lineare Erzählung in den fünf Akten der Oper zu brechen und eher in Episoden zu denken, um etwas von Cervantes' Geist wiederzufinden. Natürlich ist man versucht, dieses Werk wie ein Testament zu lesen, mit einem Schlussakt, der Don Quijotes Tod auf die Bühne bringt. Genau so versuche ich, diesen Akt zu zeigen: als Ende, aber auch als Beginn einer neuen Geschichte. Das Testament eines alten Helden, der versteht, dass die Welt in der und die Zeichen, mit denen er aufwuchs, veraltet sind, und der einen Weg zu einem neuen Heldentum und einer neuen Männlichkeit eröffnet. DON QUICHOTTE 23

Unsere Dokumente für Sie:

© 2021 Bregenzer Festspiele