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Festspielzeit Frühling 2021

Das Magazin der Bregenzer Festspiele

DIE ORGEL ALS

DIE ORGEL ALS DARSTELLERIN WERKSTATTBÜHNE OPER MIT WINDKRAFT Ein Mann geht in den Wald, schläft ein und beginnt, von seiner Liebe zu träumen. Er verliert sich in einer Phantasiewelt aus zauberhaften Bäumen, Gärten, Gebäuden, trifft auf Nymphen und andere besondere Wesen. Er erblickt aber auch nie gesehene Maschinen, die von Wind und Wasser angetrieben werden. Diese Traumwelt des Romanhelden Poliphilo wird auf der Werkstattbühne der Bregenzer Festspiele zum Opernexperiment, in dessen Mittelpunkt eine Orgel steht. Wind nennt Komponist und Organist Alexander Moosbrugger sein Werk, das sich am Renaissanceroman Hypnerotomachia Poliphili orientiert. »Das vielleicht schönste Buch der Welt«, nannte der italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco die traumwandlerische Reise. Sprachenvielfalt, Philosophie, Naturwissenschaft, Satztechnik und Bebilderung durch 172 Holzschnitte machen das Buch zum Gesamtkunstwerk. Auch in Bregenz vereinen sich mehrere Genres zu einem faszinierenden Ganzen. Der musikalischen Welt von Alexander Moosbrugger schafft die bildende Künstlerin Flaka Haliti einen gemeinsamen Raum für Publikum und Mitwirkende, Meister des Orgelbaus gestalten die prägenden Elemente des Spielortes: Orgelpfeifen in unterschiedlichen Größen aus Metall und Holz. VON DER MASCHINE ZUM KULTURERBE Im Mittelpunkt der Inszenierung steht eine windgetriebene Maschine. Denn nichts anderes sei eine Orgel, »bevor sie durch Künstlerin oder Künstler zum Instrument wird«, sagt Orgelbauer Wendelin Eberle. Sein Unternehmen, Rieger-Orgelbau aus Schwarzach, macht die Orgel für das Opernatelier der Bregenzer Festspiele bühnenreif. 172 Orgelpfeifen, analog zu den 172 Holzschnitten aus Hypnerotomachia Poliphili, werden zur klingenden Landschaft. Befestigt auf 18 Inseln im gesamten Raum formen sie einen Wald der Klänge und Geräusche. bereits in der Antike entdeckt. Die Erfindung der Orgel wird Ktesibios aus Alexandria zugeschrieben, der vermutlich den Hirten auf der Weide genau auf die Finger geschaut hatte. Der frühe Ingenieur entwickelte im dritten Jahrhundert vor Christus ein Instrument, das erklang, wenn ein gleichmäßiger Winddruck, den er durch Wasser erzeugte, durch Metallpfeifen geleitet wurde. Schon sein »organon hydraulikon« war bühnenreif, wurde in griechischen und römischen Theatern eingesetzt. Seither hat die Orgel als sakrales und weltliches Instrument eine steile Karriere gemacht. Sie gilt – seit Wolfgang Amadeus Mozarts Einschätzung – als Königin der Instrumente. 2017 wurde Orgelmusik und Orgelbau in Deutschland als Immaterielles Kulturerbe von der UNESCO anerkannt. Die deutschen Landesmusikräte kürten die Orgel zum Instrument des Jahres 2021. AUSGEFEILTE TECHNIK Die Wirkung des Zusammenspiels von Winddruck und Pfeifen wurde 20 Zurück zur Werkstattbühne. Die Raumorgel von Wind ist ein äußerst

WIND Drei Jahre lang wurde die Riesenorgel im Wiener Stephansdom restauriert und erneuert, seit Oktober letzten Jahres erfüllt sie den Dom wieder mit ihrem Klang. Zuvor war das Instrument 30 Jahre lang stumm geblieben – die ursprüngliche Orgel hatte der verheerende Brand im April 1945 zerstört, ihre Nachfolgerin war dem gotischen Kirchenraum nicht gewachsen und wurde in den 1990er-Jahren stillgelegt. komplexes technisches Gebilde. Sichtbar für das Publikum sind jedoch nur die Orgelpfeifen. Die Technik hält man gut versteckt. Ventile der Orgelpfeifen werden in den hölzernen Inseln, die mehrere Pfeifen tragen, verbaut. Die Windanlage befindet sich unter einem Podest, von dort verteilt sie die Luft auf die Pfeifen. Gesteuert wird die Anlage elektronisch. Ausgetüftelt wurde die Steuerung vom SWR Experimentalstudio Freiburg in Kooperation mit den Schwarzacher Orgelspezialisten. Die Elektronik ermögliche den Musikern, ganz flexibel auf die Tongestaltung jeder einzelnen Pfeife einzugehen, erklärt Wendelin Eberle: »Ventile können in beliebiger Geschwindigkeit teilweise oder ganz geöffnet werden. Das ermöglicht im Gegensatz zur klassischen Orgel, bei der eine Pfeife immer voll ›spricht‹, die Hörbarkeit des gesamten Klangspektrums einer Pfeife. Von Anblasgeräuschen über die Tonentstehung bis zum vollen Ton kann man dadurch alles ausschöpfen.« Obwohl in der Bühnenorgel neueste Technologie steckt, bleibt die Klangerzeugung analog. Eberle erklärt das Instrument: »Der Ton entsteht klassisch über Wind und den mechanischen Öffnungsvorgang des Ventils. Gesteuert wird jedoch elektronisch.« Ein »Musikund Geräuschinstrument« nennt der Dramaturg Olaf A. Schmitt die Orgel für Wind, ein Instrument, das den Wind und Wald in allen seinen Tönen hörbar machen wird, aber auch »unbewusst in uns Klingendes«. Vorausgesetzt man sei bereit, sich mit all seinen Sinnen auf das Geschehen einzulassen. Die Mitgestaltung eines Bühnenbildes ist für Rieger-Orgelbau Neuland. Für neue, ungewöhnliche Herausforderungen sei sein Team 21 immer offen, sagt Wendelin Eberle mit einem Schmunzeln. Schließlich sei man dann um eine Erfahrung reicher. Zum Einsatz kommen auf der Werkstattbühne großteils Orgelpfeifen aus dem archivarischen Fundus der Orgelbauwerkstatt, aber auch solche, die für zukünftige Orgelprojekte bereitstehen. AUS EINEM HAUS IN DIE GANZE WELT Rieger-Orgelbau ist in zahlreichen Konzertsälen auf allen Kontinenten präsent. Aktuell in Helsinki, wo für das Konzerthaus Musiikkitalo eine Orgel in Form einer überdimensionalen ›organischen Skulptur‹ gebaut wird. Gerade fertiggestellt und via Hamburg verschifft wurde die Orgel für den neuen Konzertsaal der chinesischen Millionenstadt Nantong. Hier wurde das Instrument in Form von riesigen Sinuswellen aus Holz gestaltet. Diese Konzertorgel hat die Größe einer mittleren

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