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Festspielzeit Frühling 2022

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

OPER IM FESTSPIELHAUS

OPER IM FESTSPIELHAUS »LIEBE UND SCHMERZ HABEN KEINE NATIONALITÄT«

Wie viel Russisches in Umberto Giordanos Sibirien steckt und warum diese Oper anstelle von Giacomo Puccinis Madame Butterfly uraufgeführt wurde. Umberto Giordano zählt mit Pietro Mascagni, Ruggero Leoncavallo, Francesco Cilea und Giacomo Puccini zur »Giovane scuola italiana«. Diese Komponistengeneration trat an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit dem Anspruch an die Öffentlichkeit, in der Nachfolge von Giuseppe Verdi und in innerer Auflehnung gegen die herrschenden Konventionen, dem zeitgenössischen italienischen Musiktheater erneut internationale Geltung zu verschaffen. Dem dominierenden französischen Drame lyrique eines Jules Massenet und Charles Gounod ebenso wie dem deutschen Musikdrama eines Richard Wagner galt es entgegenzutreten. Es entstand der musikalische Verismo, der vor allem zu Beginn der 1890er- Jahre konsequent zeitgenössische Stoffe für die Opernbühne nutzte. Besonders Umberto Giordano ist es gelungen, bei Presse und Publikum gleichermaßen höchste Anerkennung zu erlangen. Es mag verwundern, dass er heute nur mehr mit Andrea Chénier und Fedora in den internationalen Spielplänen präsent ist, während es doch ein vielgestaltiges musiktheatrales Œuvre zu entdecken gilt, mit dem das gängige Opernrepertoire zu bereichern wäre. Bereits Umberto Giordanos dreiaktiges Melodramma Mala Vita, das mit dem Rückgriff auf die »Scene popolari« von Salvatore Di Giacomo einer dezidierten Zeitgenossenschaft verpflichtet ist, formulierte einen singulären Beitrag zum italienischen Musiktheater des Verismo. Im Rahmen einer Dramaturgie der harten Schnitte und schroffen Kontraste war es Ziel des Komponisten, der realistischen Handlung ein ebenso realistisches musikalisches Fundament zu geben. Er bezog sich auf (Volks-)Lieder und -Tänze, religiöse Tonfälle wie Choral und Orgelklang und integrierte sie in einen musikalisch avancierten Tonsatz. Das Spätwerk des Komponisten hingegen ist gleichsam eine Versuchsanordnung über Gattungen des Komischen im Horizont veristischen Komponierens: Madame Sans-Gêne ist eine Opera buffa, Giove a Pompei eine Operette, La cena delle beffe nutzt die italienische Novellengattung der Beffa, und Il Ré ist eine komische Fabel. Den genannten Werken Umberto Giordanos ist eines gemeinsam: die historische Betrachtungsweise der dargestellten Handlung – sei sie auf die handelnden Figuren oder auf konkrete Ereignisse bezogen – und ein vielfach abgestufter Einsatz von musikalischen Allusionen und Zitaten, um der Historie musikdramaturgischen Rückhalt zu verleihen. Ein Werk im Schaffen Giordanos lässt sich indes im Horizont dieser dramaturgischen Grundkonstante nicht begreifen: Sibirien (Siberia). Siberia ist ein Schicksals- bzw. Läuterungsdrama – wie der Musikwissenschaftler Egon Voss formulierte. In Anlehnung an Fjodor Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus und inspiriert von Lew Tolstois Auferstehung (1899) hat der Librettist Luigi Illica die in einem sibirischen Straflager tragisch endende Liebesgeschichte zwischen Stephana und dem Soldaten Vassili auf die Bühne gebracht. Im Zentrum der Oper: die Entwicklung der Protagonistin Stephana von der Hetäre (einer hochangesehenen Prostituierten) zur Liebenden und schließlich zur Heroine. Insofern stand für Librettist und Komponist nicht die historische Perspektive, sondern die Logik der Handlung, der Kontrastreichtum der Szenen und letztlich die Wahrhaftigkeit der dargestellten Emotionen im Zentrum. Giordano nannte Siberia konsequent ein »Drama der Leidenschaften«. Und während Illica das Libretto jenseits der traditionellen Sprachformen des italienischen Musiktheaters ausarbeitete und sich an einer realistischen Diktion, das heißt an der gesprochenen Sprache orientierte, bildete die exakte realistische Fundierung der Handlung durch eine im russischen Idiom verankerte Musik den Ausgangspunkt der Vertonung. Giordano suchte Kontakt zu dem Maler Vladimir Schereschewski, um von dessen Erlebnissen in sibirischer Gefangenschaft zu erfahren; der Russlandkorrespondent des »Corriere della Sera« Luigi Barzini, SIBIRIEN 13

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