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Festspielzeit Frühling 2022

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

»GUTE TECHNIK UND

»GUTE TECHNIK UND SENSIBILITÄT« LUCY BURGE BRINGT BEWEGUNG AUF DIE BÜHNE: DIE CHOREOGRAFIN FÜR MADAME BUTTERFLY LUD IM NOVEMBER TÄNZERINNEN UND TÄNZER ZUM CASTING SPIEL AUF DEM SEE Prüfende Blicke für Madame Butterfly: Choreografin Lucy Burge (Mitte) und Dance Captain Isabella McGuire-Mayes. 6. November 2021, ein Samstag, und noch 256 Tage bis zur Premiere. Im Festspielhaus Bregenz erklingt gegen Mittag ein wohliger Soundteppich, irgendwo zwischen Pop, Fitnessstudio und Fahrstuhlmusik angesiedelt. An diesem Mittag sind 38 junge Damen und Herren zum Vortanzen für Madame Butterfly gekommen. Schon am Freitag hatten 43 andere ihre Chance wahrgenommen, und auch da begann es mit einem 20-minütigen Warm-up. Noch schaut alles sehr leicht aus. Als Laie ist man versucht zu sagen: Da könnte auch ich noch mithalten. Isabella McGuire-Mayes wäre mit Sicherheit anderer Meinung. Und die eigene Selbstüberschätzung, überhaupt solche anmaßenden Gedanken gehabt zu haben, wird sich eine halbe Stunde später kleinlaut aufgelöst haben. Was auf der Bühne leicht aussieht (und auch so aussehen soll), ist Knochenarbeit. Wir normalsterblichen Besucher kennen oder erahnen das bestenfalls aus Bob Fosses vierfach Oscar-prämiertem Film Hinter dem Rampenlicht von 1979. Bei Isabella McGuire-Mayes geht es glücklicherweise weniger melodramatisch zu. Sie leitet das Casting als sogenannter Dance Captain – und ist damit für das Einstudieren der tänzerischen Bewegungsabläufe zuständig – sowie als Unterstützung des Choreografen. In diesem Fall der Choreografin Lucy Burge. Die Hoffnung, von ihr ins Madame Butterfly-Team aufgenommen zu werden, steht den jungen Leuten ins Gesicht geschrieben. Der Großteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommt aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, viele sind extra aus Italien angereist, einige auch aus Großbritannien, Lucy Burges Heimat. Die Outfits der Tänzerinnen und Tänzer sind betont lässig und unaufdringlich. Die prägnanten weißen Streifen da und dort sind kein Wiedererkennungsmerkmal einer Bekleidungsmarke. Sie entpuppen sich bei näherem Hinsehen als einfache Stoff-Tapes, auf denen der Name der Kandidatin bzw. des Kandidaten steht. Manche haben noch ein Herzchen draufgemalt. Auffallen, aus der Menge hervorstechen. Das haben sich alle vorgenommen, die nun in Gruppen aus acht bis zehn Personen erstmals vor Lucy Burge bestehen müssen. Die Musikfarbe im Zuschauerraum wechselt. Sie klingt nun japanisch, stammt aber nicht aus der Puccini- Oper. Fächer sorgen für asiatische Anmutung und unterstreichen die Bewegungsabläufe der Tänzerin- 8

Bis in die Fingerspitzen hat sich Lucy Burge genau überlegt, wie die Bewegungen aussehen sollen. nen und Tänzer, die die Requisiten auf- und zuklappen. Noch ist nicht alles auf Anhieb synchron, wie auch? Doch der Laie staunt, wie steil die Lernkurve nach oben geht. Manche bewegen sich scheinbar völlig gedankenverloren, anderen sieht man an, wie hochkonzentriert sie üben. Lucy Burge steht mit dem Rücken zum Zuschauerraum am Tisch und macht sich Notizen, wer für die Aufführung in Frage kommt. Oder nicht. Ein Fächer bricht. Ersatz liegt bereit, denn damit war zu rechnen. »The fan is your weapon!« – »Der Fächer ist eure Waffe!« Diesen Satz hat Lucy Burge jetzt schon mehrmals pauschal oder auch persönlich adressiert. Er ist jedoch im übertragenen Sinn und doppeldeutig gemeint. Einerseits symbolisiere der Fächer die Welt der Geishas in Madame Butterfly, andererseits will Burge ihre Ansage als gezielten Ansporn in diesem Casting verstanden wissen: »Ich suche ein Team aus«, sagt sie später im Interview, »es ist nicht unbedingt notwendig, im Casting genau das zu sehen, was später auf der Bühne ist. Manches vielleicht … Ich suche nach Tänzerinnen und Tänzern, die die Bedeutung und das Ziel der Choreografie erkennen und die eine gute Technik und Sensibilität haben.« Gerade die Fächer-Sequenzen, die bei diesem Casting geprobt werden, beinhalten diese Punkte. »Die Technik eines guten Tänzers macht 50 Prozent aus«, sagt Lucy Burge, die anderen 50 Prozent müsse die wechselnde emotionale Dynamik beisteuern, die ein guter Tänzer in seinen Körper zu packen vermöge. »Und ich brauche große Männer, doch unglücklicherweise sind sie hier alle ein bisschen klein …«, schiebt sie nach einer kurzen Überlegung nach. »Wir werden das vielleicht überdenken …« Sie stünden ja noch mehr als ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Probenbeginn und »es ist noch ein kollaborativer Prozess.« Die ungezwungene Atmosphäre im Casting ist auffallend. Es wird viel gelacht. Gehört Humor zum Rezept der Choreografin, einen derartigen Wettbewerb möglichst stressfrei und fair zu gestalten? »Unbedingt!«, bekräftigt Lucy Burge. »Ich versuche, mit den einzelnen Menschen zu sprechen« – was angesichts der unüblichen Größenordnung schwierig sei –, »versuche, sehr präzise in meiner Beschreibung zu sein, frage nach, vermittle ihnen ein Gefühl der Größe und Entspannung. Disziplin ja, aber ich fuchtle nie mit dem Stecken! Ich weiß, wie sie sich fühlen, nämlich so, wie ich mich als junge Tänzerin gefühlt habe. Wenn da jemand Militantes vor einem stand – die haben sich damit alle keinen Gefallen getan.« Zehn Frauen und zehn Männer sind für die Bewegungschoreografie in Madame Butterfly auf der Seebühne vorgesehen, dazu ein vierköpfiges Team als Reserve. Nach gut einer halben Stunde Beratung der Jury aus Lucy Burge, Dance Captain Isabella McGuire-Mayes, Assistentin Rosita Steinhauser und Regieassistent Daniel Hackenberg versammelt Michael Csar, der Künstlerische Betriebsdirektor der Bregenzer Festspiele, die wartenden Tänzerinnen und Tänzer am frühen Nachmittag nochmals auf der Bühne. Er liest 13 Namen vor, 13 von 38. Die Auserwählten erhalten, im Kreis stehend, von ihm grundsätzliche Informationen über die zu erwartende Zusammenarbeit, bevor sie in den Tiefen des Festspielhauses untertauchen, wo das Team der Kostümabteilung ihre Körpermaße aufnimmt. Ein fixes Ticket haben sie damit noch nicht in der Tasche. Sie wissen, es gibt kein weiteres Casting, die endgültige Auswahl fällt später auch mithilfe der Videoaufnahmen. Sie habe sehr gute Tänzerinnen und Tänzer hier in Bregenz gesehen, erklärt Lucy Burge nach der Vorauswahl, »aber nicht alle sind bereit für unser Stück.« Offen gesteht sie, dass auch sie sich »a little bit gaga!« fühle, jetzt, da auch sie ihre Konzentration ablegen darf. Es sei auch für sie sehr anstrengend gewesen. Spätestens zum Probenbeginn am 13. Juni wird sich zeigen, wen sie und ihr Team für den großen Auftritt auf der Seebühne ausgewählt haben. MADAME BUTTERFLY 9

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