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Festspielzeit Sommer 2015

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

GERD ALFONS als solche

GERD ALFONS als solche begreift. Dabei haben wir mangelhaft strukturiert begonnen trotz vieler vor Ort vorhandener wertvoller Erfahrungen aus den vielen Jahren davor. Die Organisationsstruktur des Unternehmens wurde 1985 neu definiert. Sind auch Veränderungen in der Zusammenarbeit erkennbar? Oh ja. Ein Beispiel: Die Tosca-Wand konnte in der Probenzeit über mehrere Tage hinweg nicht bewegt werden. Der Regisseur war sehr wütend. Ich versprach ihm, das Problem zu lösen und argumentierte nicht, wieso der Fehler vorliegt, sonst wäre die Situation möglicherweise emotional übergekocht. Früher waren Gefühle ein Zeichen von Engagement, heute sind sie etwas Negatives. Das hat sich stark verändert, was ich erst lernen musste. Der Emotionale wird heute ausgegrenzt. Man kann das gut oder schlecht finden. Es ist aber so. Diese emotionale Distanz kam Ihnen vermutlich auch wenige Tage vor der Zauberflöte-Premiere 2013 zugute, als der damalige Intendant und Regisseur David Pountney einen regelrechten Wutausbruch bekam, tobte und Nase an Nase mit Ihnen stand. Das hatte ich fast schon erfolgreich verdrängt. Nun, David hatte an sich Recht, denn wir hatten seine Feuereffekte nicht zeitgerecht umsetzen können. Der sonst sehr überlegt und wohl temperiert auftretende Engländer war außer sich. Und ich kanns verstehen. Vielleicht half mir in diesem geladenen Moment auch meine Mediator-Ausbildung, dass ich völlig ruhig geblieben bin. Oder meine Altersweisheit? Und auch die Herstellung erinnert mittlerweile mehr an High-Tech als an schlechte Strukturen. Ja, klar. Heute entsteht eine Seebühne zunächst am Computer. Trotzdem gibt es eine Grundregel: Für jedes Bühnenbild muss bereits Jahre vorher ein bis ins Detail originaltreu gearbeitetes Miniaturmodell gebaut werden. Alles was im Modellmaßstab 1:100 technisch nicht darstellbar ist, funktioniert auch in der Realität der Seebühne nicht. Bei Ein Maskenball sollte eine überdimensionale, silberfarbene Königskrone im Bühnenboden versenkbar sein. Problem war aber: Der Boden stellte eine aufgeschlagene Buchseite dar und war leicht gewölbt. Physikalisch und vor allem finanziell fast ein Ding der Unmöglichkeit und eben ins Modell nicht vorab eingearbeitet. Es gab unglaubliche Schwierigkeiten und Ärger während der Proben. Die Premiere hat dann wieder einmal funktioniert. Und auch die baulichen Erweiterungen gehen auf diesen konzeptionellen Urknall 1985 zurück. Eine der größten Überraschungen war, dass der ehemalige Intendant Alfred Wopmann bereits damals vehement mehr Probenräume forderte. Das hatte mir bildlich gesprochen fast die Schuhe ausgezogen. Denn das damals neu erbaute Festspielhaus war noch nicht einmal vollständig in Betrieb gesetzt. Gut zehn Jahre später wurde dann tatsächlich mit der ersten Bau-Erweiterung begonnen. Mit der Werkstattbühne und den anderen neuen Räumen ist es gelungen, deutlich kostengünstiger und mit ausreichender Qualität zu produzieren. So mussten Kulissen nicht mehr komplett zerlegt werden, sondern in zirka neun Teile, wenn auf eine Orchesterprobe umgebaut wurde. Das ist letztlich das Bayreuther Prinzip. Begünstigt wurde dies auch durch die erfolgreiche Performance von Kongresskultur Bregenz. Im Festspielhaus gehen ganzjährig eine Vielzahl unterschiedlicher Veranstaltungen über die Bühne, was breite Flexibilität erfordert. Im Vergleich zu meiner Anfangszeit in Bregenz wird dadurch Knowhow viel stärker ganzjährig an den Betrieb gebunden. Eine besondere Saison sind die intern als „Jahrhundertsommer“ titulierten vier Monate im Jahr 2008. Erst der Filmdreh zu James Bond, dann die ZDF-Sendezentrale für die Fußballeuropameisterschaft und danach der eigentliche Festspielsommer. Das bedeutete für das gesamte Team eine nie dagewesene Leistungsprüfung. Darüber hinaus lief ein heißer Veranstaltungsfrühling mit zahlreichen Kongressen und anderen Events. Nur 32 Stunden nach Ende des EM-Finales samt einer Ausstellung im Haus und Public Viewing auf der Seebühne, war das Tosca-Bühnenbild bereits probenfertig für die vier Wochen später beginnende Festivalsaison. Gibt es etwas, das Theater für Sie beschreibt? Das Theater, wie jegliche Kunst und Veranstaltungen generell, ermöglicht es, Mut zu bekommen. Dinge anders zu sehen, Grenzen auszuloten. Dinge neu zu denken und zu deuten. Und als Technikdirektor lernt man, den Sinn eines Gesetzes erfüllen zu können, ohne dessen einzelnen Buchstaben sklavisch zu folgen. Der Hochwassersommer 1999 stellte Sie vor eine besondere Herausforderung. Erst bewältigte unser Team das Jahrhunderthochwasser um Pfingsten, und dann kam es noch dicker. Nachdem bei Ein Maskenball ein außerhalb der Probenzeit im Bodensee gesunkener, riesiger Sarg wieder einsatzbereit war, stand ich vor einem emotionalen Dilemma. In diesem Sarg sollte der Damenchor auftreten, der auch dazu bereit war und Vertrauen hatte. Ich war mir ebenfalls sicher, dass es funktionieren würde. Doch meine Technikmannschaft wollte noch weitere Prüfungen vornehmen, um völlig sicher zu sein. Was tun? Nach Abwägung aller Blickwinkel rang ich mich schließlich durch, den Sarg mitspielen zu lassen gegen den Rat einiger meiner engsten Mitarbeiter. Es ging alles gut. In Erinnerung geblieben ist mir auch die Nabucco-Premiere, als eine rund 36

007 Abenteuerlicher Arbeitsplatz: Gerd Alfons mit dem ehemaligen Kaufmännischen Direktor, Franz Salzmann und »James Bond« (2008) Viereinhalb Filmminuten lang spielt die Bregenzer Seebühne und Puccinis Opernthriller »Tosca« eine zentrale Rolle in »Quantum of Solace«. 16 Meter hohe, umklappbare Wand in ihrer Bewegung nicht stoppte und eine Sängerin drohte, hinab zu fallen. Ein Mitarbeiter reagierte als »letztes Netz« perfekt. Ein an sich kleines Software-Problem war der Grund. Niemand hatte konkret Schuld, der Fehler zeigte erst im Zusammenspiel mit anderen technischen Funktionen seine potenziell fatale Wirkung. Wir haben danach sofort reagiert und auch diesen Bereich mit einer Not-Aus-Funktion ausgestattet, so dass in Folge der Betrieb insgesamt sicherer wurde. Im Unterschied zum Flugzeugbau nehmen wir den Prototyp Seebühne unmittelbar in Betrieb und lernen ihn während der Probenphase immer besser kennen. Ein Flugzeug wird hingegen sehr lange testgeflogen und erst dann entsteht die Serienfertigung. Hat das Alfonssche Nähkästchen noch etwas auf Lager? wir das monumentale Skelett wieder aufbauen, das wollten die Filmleute als Bond-Kulisse. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich, und versuchte, für das Tosca-Auge zu begeistern. Was brauchen die Bregenzer Festspiele für die Zukunft? Das kann ich nicht vorhersagen. Auf jeden Fall weiterhin so viele mit dem Herzen engagierte Mitwirkende und Mitarbeiter in und um die beiden Unternehmungen Bregenzer Festspiele und Kongresskultur Bregenz. Eine zentrale Rolle wird die verkehrstechnische Erreichbarkeit spielen. Die Vorfahrt könnte unterirdisch mit Parkhäusern in der Stadt verbunden werden. Die Folge wäre mehr Komfort für die Besucher und entflechteter Verkehr. Das in Kombination mit den sich gut entwickelten Lösungen des öffentlichen Verkehrs. DER TECHNIKDIREKTOR IM INTERVIEW Beispielsweise sollten bei La Bohème überdimensionale Postkarten von innen beleuchtet werden. Regisseur Richard Jones wollte das unbedingt. Seine Idee stellte eine immense Herausforderung im physikalischen Grenzbereich dar, für die auch erfahrene Ingenieurbüros keine rasche Lösung anbieten konnten. Wir haben es dann herbekommen, fragen Sie nicht wie, aber es hat funktioniert. Und rund zehn Jahre nach der Aufführung von Ein Maskenball sollten Und Ihr persönlicher Wunsch? (schmunzelt) Der ist sehr viel bescheidener: Was ich mir sehr wünsche ist, in den kommenden Jahren gemeinsam mit meiner Frau und meiner Tochter die Proben ansehen zu dürfen. Das ist das Schönste für uns. Mein emotionaler Abstand zu den Festspielen wird dann größer sein, so dass ich hoffentlich mehr genieße und weniger in den Arbeitsmodus falle. 37

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