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Festspielzeit Sommer 2016

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

OPER IM FESTSPIELHAUS

OPER IM FESTSPIELHAUS Sie sind in Brno (Brünn) geboren, der Stadt von Leoš Janáček. Welche Bedeutung haben dieser Komponist und die tschechische Musik für Sie? Pavel Černoch: Heute eine sehr große, was mir lange nicht bewusst war. Meinen Weg zu Janáček musste ich erst suchen, obwohl ich mein Studium an einer Hochschule, die seinen Namen trägt, absolvierte und mein Debüt in dem gleichfalls nach ihm benannten Opernhaus gab, all das in Brno, wo Janáček den Großteil seines Lebens verbrachte. Dies empfand ich recht lange eher als Nachteil. Janáčeks Musik sagte mir nichts, ich verstand sie kaum, bekam aber fortwährend Angebote, sie zu singen. So habe ich im Teatro della Maestranza im spanischen Sevilla als Schulmeister und Mücke in Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein debütieren dürfen. Damals wusste ich gar nicht, wie ich das alles lernen soll und was daran so außergewöhnlich ist. Doch es ist wie mit gutem Wein, der mit den Jahren nur gewinnt. So bin auch ich wohl gereift, die Lebenserfahrung tat das ihrige und heute sehe ich das ganz anders. Die schönsten Janáček-Rollen, die ein Tenor singen kann (Boris in Káťa Kabanová, Gregor in Die Sache Makropulos, Steva und Laca in Jenůfa), habe ich nun im Repertoire, ebenso die Tenorpartien in seinen Oratorien. Diese Musik hat mich in den letzten Jahren total in ihren Bann gezogen und mir darüber hinaus die wunderbare Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Simon Rattle, John Eliot Gardiner, Tomáš Hanus und Jakub Hrůša beschert. Jetzt weiß ich auch den riesigen Vorteil zu schätzen, dass Tschechisch meine Muttersprache ist. Janáčeks Melodiebildung, Phrasierung, Ausdruck sind tief in der Sprache, mit deren Rhythmus auch bewusst gearbeitet wird, verankert. Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, wie das meine Kollegen lernen können, ohne diese schon an sich schwierige Sprache zu beherrschen. Ich bewundere sie aufrichtig. Als Junge sangen Sie im Kinderchor, später besuchten Sie eine Meisterklasse bei Franco Corelli. Gab es zu diesem Zeitpunkt schon den Traum von der Opernbühne? Der Traum begann eben in diesem Kinderchor. Wie haben oft mit dem Brünner Janáček-Theater zusammengearbeitet und so konnte ich schon als Kind in vielen Opern mitwirken. Davon war ich begeistert. Oft saß ich nach den Chorproben auf dem Schnürboden und hörte ganze Opern bis in die späten Nachtstunden. Es lohnte sich, trotz wiederholter Probleme mit dem nächtlichen Nachhausekommen ... Genau dort wurde der Traum geboren, einmal auf der Bühne zu stehen und all die unglaublichen Figuren und Geschichten nicht nur zu singen, sondern auch zu spielen. Tschechisch, Französisch, Italienisch, Russisch ... welche Herausforderungen bringen diese unterschiedlichen Sprachen mit sich und wie bereiten Sie sich darauf vor? Jeder Sänger sollte, glaube ich, all »seiner« Sprachen mächtig sein. Das scheint mir für eine wahrhafte Rollendarstellung ganz wesent- lich zu sein, auch wenn ich weiß, dass es nicht einfach ist. Ich hatte Glück, denn Gott schenkte mir ein Sprachtalent. Die erwähnten Sprachen – außer Französisch – beherrsche ich alle recht gut. Doch trotzdem brauche ich bei jeder neuen Rolle den Austausch mit einem Muttersprachler. Nicht immer ist die gesungene Sprache mit der im Alltag gesprochenen identisch. Und wenn Sie dann an solch ein kompliziertes Italienisch geraten, wie Boitos Libretto zu Hamlet nun mal ist, dann gibt es eine harte Nuss zu knacken. Sie haben Musikmanagement studiert und schätzen Krisenmanagement, wie Sie einmal sagten: Was rät der Manager dem Menschen Hamlet? Ich bin zwar auch Manager, doch Hamlet würde ich gar nichts raten. Er ist höchst emotional, nahezu besessen, und hat schon von Beginn an keine Chance, bei dieser Geschichte zu gewinnen. Er würde meine Ratschläge mit Sicherheit niemals befolgen. Dass er sich allein von seinem Herzen leiten lässt, ist, so scheint es mir, schließlich eine Befreiung für ihn. Hamlet ist von Natur aus ganz anders als ich, und gerade das fasziniert mich an dieser »Hamlet hat schon von Beginn an keine Chance, bei dieser Geschichte zu gewinnen.« 22

Ungestüm und leidenschaftlich ist Franco Faccios Hamlet – und als Rolle außerordentlich anspruchsvoll. Noch bis zur Premiere am 20. Juli hat Pavel Černoch Zeit, sich auf die österreichische Erstaufführung im Bregenzer Festspielhaus vorzubereiten. Die italienische Oper wird außerdem am 25. und 28. Juli gezeigt. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Rolle. Ich bin zwar ebenso übersensibel wie er, doch die Fähigkeit zum rationalen Denken ist gewissermaßen auch da, was sich von ihm nicht behaupten lässt. Franco Faccios Hamlet wurde seit 1871 nicht mehr in Europa gespielt. Was reizt Sie an dieser neu zu entdeckenden Oper? Ich war überrascht von der Schönheit dieser Musik. Es ist für mich eine große Herausforderung, nach Giuseppe Verdis Don Carlos in der fünfaktigen Fassung die bisher größte. Ich kann noch nicht sagen, ob ich die Rolle lieben werde. Das alles wird man erst auf der Bühne sehen. Ich freue mich jedoch ungemein darauf und tue alles dafür, dass ich perfekt vorbereitet bin. Für Faccio und den Librettisten Arrigo Boito war Shakespeares Vorlage sehr wichtig, in der nächtlichen Szene mit dem Geist singt Hamlet im Parlando mit dem Gestus eines Schauspielers. Wie sehr betrachten Sie Ihre Rolle aus der Sicht von Shakespeares Schauspiel? Es deckt sich für mich nahezu vollkommen, daher bin ich sehr neugierig auf den Regisseur und seine Auffassung des Ganzen. Es gibt unzählige Rezitative, die jedoch stets mit Orchesterbegleitung und auf faszinierende Weise durchkomponiert sind. Dadurch ist man zwar, im Vergleich mit dem gesprochenen Wort, gebunden, doch im Endeffekt wird es umso spannender. Im Vergleich zu Ambroise Thomas´ Hamlet-Oper ist Faccios Protagonist ein leidenschaftlich aufbrausender Tenor. Wie klingt dieser Hamlet für Sie? Aufrichtig gesagt, ist es für mich völliges Neuland und wenn ich mir einen Vergleich erlauben darf, dann fühle ich mich gerade so, als würde ich gleich mehrere Opernpartien auf einmal studieren. In stimmlicher Hinsicht ist die Rolle außerordentlich anspruchsvoll, im voll genutzten Umfang von zwei Oktaven verlangt sie dem Sänger ein Maximum an Ausdruck ab. Es gibt Stellen, an denen die Stimme höchst erregt und durchdringend klingen muss, gefolgt von Passagen, die so viel Farbe und Gewicht benötigen, wie es etwa in Verdis Otello der Fall ist. Der fast gewaltsame Umgang mit dem Affektausdruck erinnert an eine meiner Lieblingspartien, Gabriele Adorno aus Verdis Simon Boccanegra; der pathetische, aber auch innig beruhigte Gesang lässt am ehesten an Riccardo aus Verdis Maskenball denken. Und schließlich gibt es auch die Intensität extrem hoher Tenorlagen, mit denen beispielsweise Enzo Grimaldi in Amilcare Ponchiellis La Gioconda aufwarten kann. Sowohl Simon Boccanegra als auch La Gioconda sind nach Faccios Hamlet entstanden. Dieser permanente, nahezu stilbrüchige Register- und Stimmungswechsel spiegelt äußerst glaubwürdig Hamlets psychische Instabilität. Es lockt ungemein, solch einen komplizierten Charakter mit all seinen Bedrängnissen, Widersprüchen und Ängsten im ganzen Spektrum der zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittel adäquat und für den Zuschauer ansprechend darzustellen. Ich freue mich sehr auf diese Arbeit. Die Fragen stellte Olaf A. Schmitt. PAVEL ČERNOCH sang zuletzt unter anderem an den Staatsopern München, Stuttgart und Hamburg sowie der Opéra national de Paris und gehört heute zu den gefragtesten Tenören seiner Generation. HAMLET 23

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