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Festspielzeit Sommer 2017 Extra

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

EINE GEMEINSAME

EINE GEMEINSAME WERKSTATTBÜHNE VISION DER KOMPONIST ZESSES SEGLIAS ÜBER SEINE NEUE OPER TO THE LIGHTHOUSE

Die Arbeit mit dem Librettisten und Regisseur Ernst Binder an der Idee für eine Oper begann 2014. Seit Mai 2015 hat das Publikum im Opernatelier des Kunsthauses Bregenz die Ideen, Zweifel und Herausforderungen dieses Prozesses verfolgen können. Jetzt wird die Oper zum ersten Mal auf der Werkstattbühne aufgeführt. Wie lässt sich dieser Prozess aus Sicht des Komponisten beschreiben? Zesses Seglias: Es ist bekannt, dass das Komponieren, vielleicht mehr als jede andere Kunstform, eine einsame Tätigkeit ist. Deshalb mag es verwunderlich klingen, dass es in diesem Fall gar nicht einsam war. Der kreative Entwicklungsprozess wich vom Üblichen enorm ab, wir arbeiteten vielmehr gemeinsam im Team. Auch die Einbindung des Publikums in den ganzen Prozess war sicherlich unüblich. Nach zweieinhalb Jahren kann ich jetzt sagen, dass ich nicht mehr hätte verlangen können. Schon während unseres ersten Treffens begannen wir mit der Entwicklung einer künstlerischen Vision. Sehr bald danach wurde mir klar, dass es erforderlich ist, diesen langen Weg gemeinsam zu bestreiten. Ein Bühnenwerk beinhaltet viele verschiedene Elemente. Es ist notwendig, alle in größtmöglicher Harmonie zueinander zu konzipieren, zumindest wenn wir etwas schaffen wollen, dass über die Summe einzelner Elemente hinausgeht. Mit der Zeit wuchs unsere Vision mehr und mehr, das Libretto war vorhanden, die Konzepte für Bühne und Kostüme ebenfalls. Selbstverständlich hatte ich ab einem gewissen Punkt die Partitur allein zu komponieren. Aber auch dabei fühlte ich mich niemals allein. Immer wieder kamen mir unsere langen Gespräche in den Sinn. Ich finde mich wirklich in jedem Detail des Stücks wieder. Ähnliches trifft auf die Arbeit nach Vollendung der Partitur zu. Schon zuvor gab es ein fruchtbares Treffen mit Olivier Tambosi, der die Oper nach Ernst Binders plötzlichem Tod inszenieren wird. Nun war ich an der Reihe, meine Arbeit im Opernatelier zu teilen. Jede einzelne der Einblick- Veranstaltungen glich für mich einem wieder neuen Blick durch das Kaleidoskop. Manchmal ermöglichte uns die Präsentation roher Ideen vor Publikum, noch tiefer zu gehen und uns an Orten wiederzufinden, an die wir ansonsten nicht gekommen wären. Vielleicht beschreibt es ein Gedanke, den mir Ernst Binder in einer E-Mail geschrieben hatte, besser: »Ich habe das Gefühl, etwas Besonderes entsteht. Ich empfinde uns als Bildhauer, die an einem großen Steinquader mit Hammer und Meißel arbeiten und schön langsam entsteht das Monument; immer deutlicher zeichnen sich die Konturen ab.« Was war das Faszinierende an Virginia Woolfs Roman To the Lighthouse beim ersten Lesen? Wie hat sich die Beziehung zum Buch durch das Komponieren einer Oper darüber verändert? Das Buch lernte ich erst durch das Projekt kennen. Zu Beginn hatte ich nur eine rohe Konzeption dessen, was ich damit machen könnte. Was ich jedoch von Anfang an beabsichtigte, war eine Geschichte zu erzählen, die die Seelen der Menschen tief berührt, ohne dass dafür zu viel Handlung benötigt würde. Ich erinnere mich noch an den Moment, nachdem ich die ersten Zeilen gelesen hatte und einfach nur dachte: Das ist genau das, worauf ich gehofft hatte, vielleicht geht es sogar darüber hinaus. Dafür sollten wir Virginia Woolf dankbar sein. Es ist erstaunlich, wie tief man nur durch das Lesen eines Textes in Gedanken und das Unterbewusstsein eines anderen Geistes eintauchen kann. Meine Beziehung zu diesem Buch wurde immer tiefgründiger. Darüber hinaus versuche ich bei jedem Lesen zu begreifen, wie Ernst Binder diese poetische und geniale Adaption schreiben konnte. Mit anderen Worten: Ich möchte dahinter kommen, wie ein Text einen neuen Text aus seinem Inneren heraus erschaffen konnte. Dieses Prinzip lässt sich auch als Reflexion von Woolfs eigener Erzähltechnik auffassen: Die Menschen denken, reagieren, philosophieren, aber sie reden nur wenig. Virginia Woolfs Sprache benutzt verschiedene Dimensionen von Stimme, vor allem innere Stimmen. Dazu zählen Gedanken, Ängste, unausgesprochene Emotionen. Die menschliche Stimme ist auch in der instrumentalen Komposition der Oper von hoher Bedeutung. Wie werden die Stimmen der Sänger in der Partitur behandelt? Die Stimme ist das stärkste Element, mit dem ich in meiner Musik arbeite. Eine Stimme wird mit vielen Ebenen im zwischenmenschlichen Verhältnis in Verbindung gebracht. Gleichzeitig ist sie der Inbegriff von Klang in seiner ältesten bekannten Form. Bei einer Oper, die auf Virginia Woolf basiert, kommen diese beiden Aspekte dann zusammen. Einerseits musste ich die Geschichte erzählen, wie sie das Libretto vorgibt. Andererseits war es erforderlich, tief in Woolfs Sprache einzutauchen. Sie verwendet die Sprache auf eine Weise, die, meiner Meinung nach, beinahe als zerlegt bezeichnet werden könnte. Diese Tatsache bringt es mit sich, die Stimme so einzusetzen, dass sie nicht nur die Geschichte erzählt, sondern sich auch diese weiteren Aspekte in ihr wiedererkennen TO THE LIGHTHOUSE 25

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