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Festspielzeit Sommer 2018

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

THEATER AM KORNMARKT

THEATER AM KORNMARKT Nestroy-Preisträger Nikolaus Habjan und seine Puppen: die Sängerin Erna Berger, der Sänger Paul Schöffler sowie der Dirigent Fritz Busch. Busch wurde vom NS-Regime zum Rücktritt und zur Emigration genötigt. Auf Fürsprache Hitlers folgte ihm Karl Böhm als Generalmusikdirektor der Dresdner Semperoper nach. zugänglich sind. Die Beschäftigung mit einer historischen Person auf der Bühne biete für den Autor zwei Möglichkeiten, so Hochgatterer: »Entweder man ist exakt, dann wird es trocken, oder man ist literarisch und erfindet eine Figurenkonstellation, die einen durch eine Geschichte führt, die beides ist, historisch genau und etwas Eigenes.« Hochgatterer wählte den zweiten Weg. Er erfand die Figur eines alten Mannes, dessen lebensgroße Puppe in Habjans Inszenierung dem Dirigenten erstaunlich ähnlich sieht. Offenbar kennt der Mann jede Note, die Böhm dirigierte, und jeden Satz, den er aussprach. Er ist »ein in Besitz Genommener«, sagt sein Erfinder. Das Motiv des Doppelgängers interessierte Hochgatterer besonders, gerade in der Begegnung mit einem Altenpfleger und dessen kleiner Schwester, die von Böhm nichts wissen. Diese beiden Figuren, die wie alle anderen von Habjan selbst gespielt werden, nehmen eine heutige Position ein und konfrontieren den alten Mann mit Dingen, von denen er wenig weiß. Liebevoll ertragen sie auch seine Schrullen wie etwa die Fixierung darauf, dass sämtliche Uhren um ihn herum exakt die gleiche Zeit anzeigen müssen – ein Tick, der von Böhm bekannt ist. »Böhm ist die Dirigat gewordene Zwangsneurose«, bringt es Hochgatterer auf den Punkt. Wie hart Böhm die Musikerinnen und Musiker behandelte, ist in mehreren Szenen erlebbar, die Hochgatterer den Probenmitschnitten abhorchte. Neben den wörtlichen Zitaten, die von Habjans Puppen gesprochen werden, sind im Stück auch originale Tondokumente zu hören, unter anderem die Stimme Adolf Hitlers. »Ich finde es reizvoll, 14

mit dem Originaldokument zu arbeiten, sofern es verständlich ist«, sagt Regisseur Habjan. Böhms Rolle während des Dritten Reichs zieht sich durch das Stück. 1934 wurde der Dirigent Fritz Busch seines Postens als Generalmusikdirektor der Semperoper Dresden enthoben, auf Fürsprache Hitlers übernahm Böhm. Rund zwanzig Jahre später, 1956, konnte er sich selbst nicht länger als Direktor der Wiener Staatsoper halten, weil er nicht bereit war, seine internationalen Engagements den Verpflichtungen dieses Postens unterzuordnen. Hochgatterers Text wie Habjans Spiel und Inszenierung zeigen Böhms historische Verstrickungen schonungslos, verurteilen aber nicht und fordern genau dadurch das Publikum auf, eigene Urteile zu bilden beziehungsweise existierende Urteile zu hinterfragen. »Es ist spannend, das Stück in unserer jetzigen Zeit zu machen. Wenn man sich anschaut, was für ein Gefühl gegenwärtig wieder hochkommt und wie wichtig es ist, sich zu positionieren, auch gegen gewisse Dinge«, legt Habjan den Finger in gesellschaftliche Wunden. Hochgatterer sieht in seiner und Habjans Perspektive auf den Dirigenten auch eine allgemeine Betrachtungsweise: »Die Dissoziation des Werks vom Künstler ist für mich immer ein seltsames Artefakt gewesen. Ich sehe überhaupt keine Veranlassung, das aufrechtzuerhalten. Gerade in Situationen, in denen es darum geht, an Figuren und Denkmälern, die sakrosankt sind, zu kratzen oder diese ein wenig durchzurütteln, darf es diese Trennung zwischen der Persönlichkeit und dem Werk des Künstlers nicht geben.« Nicht nur das Werk und der Künstler, sondern auch die Persönlichkeit des alten Mannes und des Dirigenten geraten bei diesem Theaterabend in ein anregendes Wechselspiel. Habjans virtuoses Spiel mit insgesamt elf Puppen, denen er allen unterschiedliche Stimmen verleiht, unterliegt einem genauen dramaturgischen Plan: »Es gibt Böhm in drei Altersstufen, schwarz-weiß und völlig abgehoben von den realistischen Puppen des alten Mannes, des Mädchens und des Pflegers. Alle anderen Puppen sind entweder in ihrer Größe oder in ihrer Farbe nicht realistisch. Die drei Böhm-Puppen – jung, mittelalt, alt – sehen aus wie versteinert, so als wären sie aus Kalkstein.« Diese Puppen tauchen an verschiedenen Positionen in Julius Semmelmanns Bühnenbild auf, wie Habjan erläutert: »Es spielt alles um ein riesiges, begehbares Dirigierpult. Die restliche Bühne ist leer. Man sieht einen verlassenen, vielleicht auch etwas verwüsteten Orchestergraben. Innerhalb des überdimensionalen Dirigierpults gibt es ein Dirigierpult in Originalgröße, darauf befinden sich Miniaturpuppen zum Beispiel von Fritz Busch, mit dem der große Böhm in Verbindung tritt. Am Schluss taucht im Hintergrund hoch oben auf einer Stele eine Böhm-Büste auf.« Mit welchen Gefühlen hört Paulus Hochgatterer nun seine alten Schallplatten? »Ich höre die Böhm-Platten jetzt anders, auch schon während der Beschäftigung habe ich sie anders gehört. Das Wunderbare war, dass ich auf viele großartige Aufnahmen aus dieser Zeit gestoßen bin, die nicht Böhm dirigiert hat und die zum Großteil viel besser sind als die von Böhm. Als Wunder bleibt: Es gibt Böhm-Aufnahmen, die einfach grandios sind und bei denen man sich natürlich fragt: Spielen die Musiker so gut, weil sie sich so vor ihm gefürchtet haben oder hat es da doch einen Zauber gegeben, den man nicht erfasst?« Paulus Hochgatterer lebt als Schriftsteller und Kinderpsychiater in Wien. Zuletzt veröffentlichte er 2017 die Erzählung Der Tag an dem mein Großvater ein Held war. Für Böhm tauchte er tief in die Biografie des umstrittenen Dirigenten ein. THEATER AM KORNMARKT BÖHM Paulus Hochgatterer Premiere 25. Juli 2018 – 19.30 Uhr Vorstellung 26. Juli – 19.30 Uhr | Theater am Kornmarkt BÖHM 15

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