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Festspielzeit Sommer 2019

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

WERKSTATTBÜHNE eine –

WERKSTATTBÜHNE eine – wenn auch reduzierte – Sprachlichkeit.« Im Reigen finden sich zwischen gesprochenen und gesanglichen Passagen alle möglichen Facetten vokalen Ausdrucks – Sprechgesang ebenso wie Falsett, die männliche Kopfstimme –, was das vom Librettisten Michael Sturminger behutsam modernisierte schnitzlersche Personenkarussell punktuell auch in Hinblick auf die Geschlechtsidentität öffnet. So sprechen und singen die Figuren ihre Sätze der Werbung und Abwehr, des Flirts, der Zuneigung und des Betrugs – und wir hören sie stottern, auftrumpfen oder Phrasen dreschen. Denn die Zerlegung von Sätzen und Wörtern, von musikalischen Einheiten in kleine Teile und variierende Wiederholungen solcher Bruchstücke in Loops bewirkt zahlreiche Wahrnehmungs- und Deutungsmöglichkeiten. Wiederholung kann Bedeutungen verstärken oder »Wie Roboter durchlaufen die Figuren ihre Kreisbahnen.« übersteigern, kann neue Bedeutungen aufscheinen lassen, kann den Sinn entwerten oder entleeren – immer geht es um »ein bewusstes Aufsplittern der Textschichten und ein Instrumentarium der Kritik und Re-Interpretation von Texten«, erläutert Bernhard Lang. »Wenn ich von Differenz und Wiederholung spreche, werden ja auch die Modi des Wiederholens und die resultierenden Wirkungen differenziert. Wenn es immer das Gleiche wäre, wäre das eine eintönige Sache.« Die Zuhörer sind unmittelbar in diesen Prozess involviert: »Es kommt zu einer Polyphonie der Wahrnehmung, bei der der Wahrnehmende auch sich selbst beobachtet. Die Wiederholung ist – wie David Hume sagt – nicht im Objekt, sondern im Beobachter; der Beobachter entdeckt die Wiederholung in sich selbst.« Wie viel Zwanghaftigkeit steckt in Schnitzlers Reigen? »Der Autor ist fast wie eine Kamera, man sieht zehn Laufräder, in denen zwei Hamster laufen. Das Geschehen spult sich mehr oder weniger ab, das ist als mechanistischer Vorgang interpretierbar, bei dem die Menschen ihre Kreisbahnen durchlaufen und wie Uhren ticken – im Grunde wie Roboter. Die Loop-Maschinerien, die da losrattern, kommen einer solchen mechanistischen Deutung entgegen – aber ich interpretiere nicht, ich versuche nicht, das enger zu stricken, als es bei Schnitzler ist: Diese Offenheit ist ja großartig.« LEIDEN UND LÜGEN SIND GEBLIEBEN Nach der Uraufführung bei den Schwetzinger Festspielen 2014, erzählt Lang, hätten einige kühn behauptet, die sexuellen Problematiken im Stück seien alle überwunden: »Das ist vermessen, denn wir befinden uns in einer Zeit, in der man die schnitzlersche Genauigkeit in der Analyse von Beziehungen oft vermisst. Man sieht die Leute an den gleichen Leiden laborieren, die Schnitzlers Figuren uns vorführen. Wer behauptet, Schnitzlers Text hätte für uns heute an Aktualität verloren, behauptet, es gebe die Lüge nicht mehr. Die Lüge ist eines der großen Themen des Stücks: A lügt B an, B lügt C an – eigentlich sagt niemand die Wahrheit, am ehesten noch die Prostituierte.« DAS KINO ALS INSPIRATION Schnitzlers Versuchsanordnung wurde mehrfach verfilmt. Das Kino nennt Bernhard Lang als wichtige Inspirationsquelle; mit Schnitt, Kopie und Loop bedient er sich spezifischer Techniken des Films. Jazz, Rock und japanische Popmusik – in Klang und Instrumentation des Reigen ist musikalisches Material aus allen möglichen Genres wie auch aus der Musikgeschichte eingeflossen. »Das ist nichts anderes als eine Erweiterung des Wiederholungsbegriffs in der historischen Dimen- 26

sion: Wir befinden uns ja – inklusive der neuen Musik, behaupte ich – in einer großen Wiederholungsschleife. Das sind Meditationen über das Wiederholen. Und wenn man so will, ist es einerseits ein Revue-passieren-Lassen der Recycling-Kultur und andererseits auch eine Kritik der Recycling-Kultur. Und, wenn man es positiv sehen will, der Versuch, im Recycling etwas Neues entstehen zu lassen.« Der Einsatz dieses Materials geht übers bloße Zitat hinaus, das ja »einen funktionierenden Kontext voraussetzt«, über die modernistischen Techniken des Samplings und Collagierens hinaus erscheint das Material in neuen Kontexten. Den theoretischen Grundlagen und der Komplexität der Komposition zum Trotz ist Langs Musik unmittelbar zugänglich und entwickelt einen Sog, ähnlich dem der Minimal Music. Dass seine Musik als unterhaltsam empfunden werden kann, gefällt Lang: »Das würde mich sehr freuen, das ist der Schönberg-Traum des Komponisten«, meint er. »Gerade beim Musiktheater kommt für mich zuerst die Sinnlichkeit und die dramaturgische Spannung, die berührt und interessiert. Für den Kopf bleibt dann der Rest des Lebens, da kann man dann über das Stück nachdenken und weiterlesen, und vielleicht kommt man dann zu dem Wunsch, es nochmal zu hören.« WERKSTATTBÜHNE DER REIGEN Bernhard Lang Premiere 30. Juli 2019 – 20.00 Uhr Vorstellung 31. Juli – 20.00 Uhr Werkstattbühne Koproduktion mit Neue Oper Wien DER REIGEN WIEDERHOLT ANDERS: ARTHUR SCHNITZLERS REIGEN Ihre Sicht auf Schnitzlers Reigen präsentiert die Musicbanda Franui gemeinsam mit den Schauspielern Sven-Eric Bechtolf und Regina Fritsch. Karussellmusik aus dem Prater, Belcanto-Melodien, böhmische Weisen und Klänge der Zweiten Wiener Schule: Auf unterhaltsame und einzigartige Weise präsentiert die Musicbanda Franui am 15. August im Festspielhaus ihre Sicht auf Arthur Schnitzlers Theaterstück Der Reigen. Ihre Musik unterbricht, begleitet und unterstützt die Lesung durch die Schauspielgrößen Sven-Eric Bechtolf und Regina Fritsch. Jeder der zehn Szenen verleiht Franui ihr passendes musikalisches Milieu. Zwischen den Kompositionen ergeben sich zwischen dem Schauspielpaar Bechtolf und Fritsch zufällige und gewünschte Dialoge, ganz wie in Schnitzlers Reigen. Beginn ist um 19.30 Uhr. Sven-Eric Bechtolf und Regina Fritsch lesen Arthur Schnitzlers Reigen, musikalisch umrahmt von der Musicbanda Franui. 27

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