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Festspielzeit Sommer 2021

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

WERKSTATTBÜHNE Der

WERKSTATTBÜHNE Der Protagonist der Oper Upload möchte unsterblich werden, indem er seinen Geist nach seinem Tod in eine Art Cloud hochlädt. Wie sind Sie auf das Thema gekommen? Michel van der Aa: Vor einigen Jahren habe ich über genau diese Idee gelesen: Die theoretische Möglichkeit, seinen Geist nach dem eigenen Tod hochzuladen – mich hat diese Vorstellung nicht mehr losgelassen. Und da entstand irgendwann der Wunsch, eine Oper daraus zu machen. Ich bin ein Nerd, ein Technikfreak, mich interessiert, was in den Wissenschaften gerade los ist und welche technische Neuerungen es gibt. Ich habe mich dann mit den beiden Dramaturgen, Madelon Kooijman und Niels Nuijten zusammengesetzt und angefangen, zu dem Thema weiter zu recherchieren. Die Oper handelt von der Endlichkeit des Lebens. Sie sind Anfang 50, hätten Sie auch eine Oper über den Tod schreiben können, als Sie noch jünger waren? Ja. Ich mochte diesen Platz zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Erde schon immer. Ein sehr interessanter Ort, den es lohnt, genauer zu betrachten. Ich habe ein Triptychon aus drei Opern gemacht, die erste hieß Afterlife, die zweite Sunken Garden. Damals war ich erst Mitte dreißig. Upload ist nun der Abschluss. Wen wollen Sie erreichen: die Jungen, die an die technischen Neuerungen gewöhnt sind oder die Alten, die sich Gedanken über das Ende des Lebens machen? Ich möchte natürlich beide Gruppen ansprechen. Mein Opernpublikum ist zum Glück sehr divers, vom Alter her und von den Interessen. Da kommen nicht nur strenge Opernfreunde im klassischen Sinne, sondern auch Menschen, die sich für Visual Art interessieren oder für Filmkunst. Meine Stücke behandeln immer Dinge, die mich persönlich faszinieren. Und dann hoffe ich, dass das viele andere Menschen anspricht und interessiert. Bei Upload sind es tiefe philosophische Fragen. Was ist denn die philosophische Essenz des Stückes? Die Frage, was es heißt zu leben. Der Vater und Protagonist der Oper denkt zu Beginn, dass es nicht unbedingt einen Körper braucht um zu existieren. Seine Tochter sieht das aber ganz anders. Sie möchte nicht, dass irgendjemand hochgeladen wird, und ist überhaupt nicht mit der Sicht ihres Vaters auf das Leben einverstanden. Aber es könnte doch jeder so entscheiden, wie er oder sie es für richtig hält? Eigentlich schon, aber die Entscheidung der Tochter wird ein großes Problem für den Vater: Seine Tochter wird älter werden und sterben, er jedoch beziehungsweise sein Upload, wird für immer im gleichen Alter bleiben. Ihm wird immer klarer, dass das ein hartes Los für ihn sein wird. Und eine einsame wie auch immer geartete Existenz. Muss man sich mit künstlicher Intelligenz auskennen, um Gefallen an Upload zu finden? Nein, gar nicht. Ich wollte keine Geschichte über die Möglichkeiten der Technologie erzählen. Ich wollte ein anderes, vielleicht größeres Thema anfassen: Was macht uns zu Menschen? Braucht man einen Körper, um Mensch zu sein? Haben Sie Antworten gefunden? Das Stück gibt keine. Aber es gibt Anregungen, um sich selbst auf die Suche nach Antworten zu machen. In der Oper geht es immer wieder um die Vor- und Nachteile des ewigen Lebens. Auch die ethischen Implikationen einer Kopie eines Menschen. Ist die Kopie immer noch der gleiche Mensch? Hat die Kopie die gleichen Rechte wie die biologische Version der Person? Auch ohne Körper? Der Vater in der Oper versucht, durch den Upload ein Trauma zu überwinden, um glücklicher zu sein. Ist das permanente Streben nach Glück im Leben sinnvoll? »Mir ist es lieber, wenn das Publikum angeregt über philosophische Themen diskutiert als über technische Finesse.« Auch das ist eine der Fragen im Stück. Würde man die Menschen von ihren Traumata befreien, wären sie noch dieselben? Es sind schließlich auch die schrecklichen Erlebnisse, die unsere Persönlichkeit formen und ausmachen. In der Oper sehen wir: Die Suche nach ständiger Glückseligkeit geht nicht unbedingt gut aus. Das lasse ich als Cliffhanger mal so stehen. Mehr verrate ich nicht. 22

zusätzliches Instrument, das man in die Komposition einbauen kann. Seit der Band Kraftwerk und den Komponisten Karlheinz Stockhausen oder György Ligeti sind elektronische Klänge Teil der zeitgenössischen Musik. Sie klingen fast schon »alt«. In welchen Klangwelten bewegt sich Upload? Die szenische Uraufführung der Filmoper Upload ist diesen Festspielsommer auf der Werkstattbühne zu erleben. Warum erzählen Sie von einer Tochter und ihrem Vater und nicht, zum Beispiel, von einer Mutter und ihrem Sohn? Wir haben lange im Team diskutiert, in welchem Verhältnis die Protagonisten zueinander stehen sollen. Am Ende erschienen uns Vater und Tochter unter psychologischen Aspekten am interessantesten. Er ist alleinerziehend, eine Mutter kommt nicht vor. Die Entscheidung, seinen Geist hochzuladen, fällt er ganz allein. Darüber entfacht sich ein großer Streit, das ist der Beginn der Oper. Ihr Stück ist eine »Filmoper«. Was kann man sich darunter vorstellen? Die Inszenierung hat eine filmische Ebene. Aber der Film wird nicht so eingesetzt, dass die Handlung auf der Bühne stoppt und wir einen Film präsentieren. Der Film hilft, den Raum auf der Bühne zu vergrößern. Neben Filmsequenzen verwenden Sie eine Menge technischer Effekte. Welcher ist der eindrucksvollste? Jeder elektronische Effekt, die Filme, all die multimedialen Dinge stehen im Dienst des Librettos: Sie sollen die Geschichte möglichst gut erzählen. Mir ist lieber, wenn das Publikum nach Hause geht und angeregt über die philosophischen Themen diskutiert, als wenn es nur von der großartigen Bühne schwärmt oder von der wahnsinnigen technischen Finesse. Warum dann nicht auf diese Effekte verzichten? Wir sind täglich mit so viel raffinierter Technik umgeben, sind ständig mit unseren iPhones beschäftigt – unsere gesamte Kommunikation läuft über beeindruckende Technik. Es wäre komisch, keine technischen Neuerungen auf der Bühne zu verwenden. Deshalb möchte ich, als Regisseur im Jahr 2021, alle diese Werkzeuge nutzen. Im 19. Jahrhundert haben die Komponisten auch die Tuba und das Schlagwerk zu ihren Werken hinzugefügt – völlig neue Erfindungen zu dieser Zeit. Ich nutze in meiner Inszenierung Motion-Capture-Verfahren und 3D-Filme. Das ist eigentlich genau das Gleiche. Wenn es im Theater oder in Filmen um die Zukunft geht, wird gemeinhin oft mit elektronischen Klängen gearbeitet. Ist das ein Klischee? Für mich sind die elektronischen Klänge wie eine Extrafarbe, ein Die Vertonung beruht auf einem kammermusikalischen Ensemble, elektronische Klänge erweitern den Sound. Es geht von einem Solo der Hammondorgel bis zu großen orchestralen Klängen, die das Publikum komplett umhüllen, weil wir mit sehr vielen Boxen arbeiten. Sie haben komponiert, inszeniert, sich um das Filmskript gekümmert: Es scheint, Sie halten gerne alle Fäden in der Hand. Welchen Part hätte am ehesten eine künstliche Intelligenz übernehmen können? Keinen. Ich will eine ganz persönliche Geschichte erzählen. Das ist mir viel wichtiger als die ganze Technologie. Ich möchte die Menschen berühren und das kann nur ein Mensch richtig gut. Bisher zumindest. WERKSTATTBÜHNE UPLOAD Michel van der Aa Filmoper (2021) | Libretto vom Komponisten | In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln | Szenische Uraufführung Premiere 29. Juli 2021 – 20.00 Uhr Vorstellung 30. Juli – 20.00 Uhr | Werkstattbühne Kompositionsauftrag und Koproduktion von De Nederlandse Opera, Amsterdam; Oper Köln; Bregenzer Festspiele; Park Avenue Armory, New York; Ensemble Musik- fabrik Köln; doubleA Foundation UPLOAD 23

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