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Festspielzeit Sommer 2021

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

THEATER AM KORNMARKT

THEATER AM KORNMARKT Michael Kohlhaas ist nicht das erste Werk von Heinrich von Kleist, das Sie auf der Bühne umsetzen. Zuletzt inszenierten Sie 2018 Amphitryon am Schauspiel Frankfurt, ebenfalls mit Max Simonischek in der Titelrolle. Sind Sie ein Kleist-Fan? Andreas Kriegenburg: Das erste Mal begegnet ist mir Kleist sehr früh, noch zu Teenagerzeiten. Ich habe dann alles von ihm gelesen, die Stücke, aber auch Briefe. Die Lektüre seiner Biografie hat wahrscheinlich dann eine jugendliche Identifikationsbrücke von mir zu ihm gebaut. Vielem, was seine Person auszeichnet, habe ich mich nah oder verwandt gefühlt. Kleist war ja offensichtlich auch ein Soziophobiker, unsicher seiner künstlerischen Arbeit gegenüber und von unglaublichen Selbstzweifeln verfolgt. Außerdem habe ich mich in der Wahrnehmung seiner besonderen Sprache widerspiegeln können, in seinem Bedürfnis, komplex und visuell in der Sprache zu sein. Es ist eine unglaublich harmonische Sprache, sehr klanglich, sinntragend, aber vor allem musikalisch. Sprache ist bei Kleist immer auch Komposition. Sie haben das erste Mal einen epischen Text von Kleist bearbeitet. Wie war Ihr Weg von der Novelle Michael Kohlhaas zur Fassung auf der Bühne? Ich habe für mich zunächst grundlegende Entscheidungen getroffen, um das Denken zu ordnen. Auf der einen Seite wollte ich Michael Kohlhaas modern erzählen, aber nicht aktualisieren. Für mich war es wichtig, die Fragen nach unterschiedlichen Rechtsauffassungen und überhaupt die Frage nach der Stabilität eines Rechtssystems aus einer heutigen Perspektive zu betrachten, aus einer heutigen Erfahrungs- und Erlebniswelt, den Konflikt selbst aber nicht ins Heute zu transportieren. Ich habe mich an Kleists Geschichte und seine Sprache gehalten und den Pferdehändler einen Pferdehändler und keinen Autohändler sein lassen. Kohlhaas lebte seinerzeit in einem völlig anderen Rechtssystem, von Kleist in einer sehr vertrackten Sprache beschrieben. Dieser Ausführlichkeit stellen Sie sich in Ihrer Fassung. Ist das für uns heute interessant? Das ist schwer zu beantworten. Auf der einen Seite ist gerade auch heute die Frage des individuellen Widerstands gegen das Rechtssystem aktuell, die Überprüfung eines scheinbar oder tatsächlich stabilen Systems von Gesellschaftsverabredungen. Allein schon dadurch, dass man das eigene Recht oder die Durchsetzung desselben an den Staat abgibt, begibt man sich, um Kohlhaas zu zitieren, in den Schutz des Staates und entmündigt sich zugleich. Natürlich ist das grundsätzlich diskussionswürdig. Die Befragung von gesellschaftsprägenden Systemen ist auch im Theater immer wieder wichtig. Andererseits haben wir in der Arbeit gemerkt, dass für uns ein anderes Motiv, das im Kleist'schen Text gar nicht intendiert ist, viel stärker geworden ist. Und zwar das Motiv, dass Kohlhaas und alle in der Geschichte miteinander verwobenen Biografien, Handlungsstränge und Figuren einem bestimmten Denksystem entspringen und sie in diesem Denksystem, ebenso wie Kohlhaas, gefangen bleiben. Für mich war letztlich das der provozierendste und produktivste Blickwinkel auf den Text: dieses Denksystem, das ein sehr männliches, an Macht und Reputation orientiertes System ist, als gesamtes infrage zu stellen. Wenn ich also behaupte, dass die Verhaltensmuster fast aller Figuren die Möglichkeiten von Vergebung, Toleranz oder eines Kompromisses ausschließen. Wäre Kohlhaas für Sie heute ein Querdenker? Nein, ganz sicher nicht. Kohlhaas ist einerseits in seiner Geschichte, seinem Denken gefangen, einem in der Konsequenz sehr destruktiven Denken. Andererseits ist er im Recht. In dem Moment, in dem ihm dieses verweigert wird, ergibt sich für ihn aus dem Gefühl, vom System ausgeschlossen zu werden, die Berechtigung, sich zur Wehr zu setzen und die Korruption des Systems sichtbar zu machen. Natürlich zeigt sich an Kohlhaas das Problem, wie eine an sich funktionierende Gesellschaft durch Vetternwirtschaft, Reichtum und Standesunterschiede korrumpiert wird. Gleichzeitig sind es die Denkmuster, in denen Kohlhaas erzogen wurde, die es ihm – wie auch allen anderen Männern, die in diesen Konflikt verwickelt sind – unmöglich machen, dem fatalen Mechanismus zu entgehen, in den er dann hineingerät. Sie haben sich entschieden, die Geschichte von zwei Frauen erzählen zu lassen. Macht und Staat sind konditioniert durch eine Männerwelt und werden durch den Blick zweier weiblicher Stimmen kommentiert. Können Sie als Mann diese Perspektive überhaupt einnehmen? Für mich ist es faszinierend, auch meine Gefangenheit und Grenzen zu erleben. Nehmen wir nur den Anfang der Geschichte, bei dem erzählt wird, es handele sich um die Geschichte des Michael Kohlhaas, der als einer der anständigsten Menschen gelten konnte, wenn er nur nicht in einer Tugend übertrieben hätte, nämlich in seinem Rechtsgefühl. Alle Hörbücher und Texte, die ich gehört habe, sind natürlich von Männern gesprochen und implizieren von vornherein Kameradschaft, Verständnis oder Kompromissbereitschaft. 30

Michael Kohlhaas, gespielt von Max Simonischek, wird vom Rechtssystem im Stich gelassen und bricht zu einem grausamen Rachefeldzug auf. Für mich war deshalb der Gedanke reizvoll, diesen Text von einer Frau gesprochen zu hören. Wenn sie dann sagt, »er hat es in einer Tugend übertrieben«, habe ich in keinem Moment das Gefühl einer geschlechterbedingten Solidarisierung. Die weibliche Stimme schafft eine andere, auch polemische Distanz und wir bekommen einen anderen Blickwinkel auf den Text. Es ist wichtig, dass innerhalb der Inszenierung auch die Gewichtung der Frauen eine andere ist als bei Kleist. Die zwei Frauen der Novelle, seine Ehefrau und die Wahrsagerin, sind wichtige, aber nur kurz auftauchende Randfiguren. Bei uns führen die Frauen nicht nur durch den Abend, sondern öffnen am Schluss auch die wesentliche, dem Stoff gegenüber polemische Perspektive. Sie machen Kohlhaas kenntlich als jemanden, der in seiner Geschichte gefangen bleibt. Insofern ist das Geschlechterverhältnis in der Inszenierung umgedreht. Die Männer sind dienend gegenüber den Frauen. Haben Sie während der Arbeit erneut Ihren Blick auf Kohlhaas geändert? Ja, sehr stark. Ich habe den männlichen Blick, die romantisierte Wahrnehmung, die die Inszenierung nun angreift, zunächst beibehalten wollen. Für mich war Kohlhaas tatsächlich ein »lonesome rider«, dem die eigene Geschichte über den Kopf wächst und der dann in politischen Machtkämpfen zerrieben wird. Ich habe in der Vorbereitung lange darüber nachgedacht, wie ich sein Handeln verteidigen könnte oder ob ich, meinen moralischen Kategorien folgend, ihn doch verurteilen müsste, wenn er grausame Gewalttaten begeht. Erst später habe ich bemerkt, dass mich die Suche nach der Rechtfertigung seines Handelns in den gleichen destruktiven Denkkosmos hineinführt, in dem Kohlhaas gefangen ist. Der Ausweg? Der Ausweg ist tatsächlich, so pathetisch das klingt, das Lernen von der Geschichte. Es gibt am Ende unserer Inszenierung zwei lakonische Schlusssätze. Nachdem eine Erzählerin Kohlhaas auffordert: »Die Bühne gehört noch einmal dir«, sagt sie: »Alles danach gehört deinen Kindern. Ich hoffe, sie vergessen dich.« Und so grausam das der grandiosen Novelle gegenüber klingt, gibt es natürlich die Hoffnung, dass auch Großkunstwerke, die ein bestimmtes Denken reproduzieren und stabilisieren, zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber doch relativierend betrachtet werden sollten. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass wir Männer nach und nach aus der Geschichte nicht völlig verschwinden, aber dass wir die Position, immer an vorderster Front und Geschichte prägen zu wollen, einbüßen. Dass uns das weggenommen wird und dass wir verschwinden. THEATER AM KORNMARKT MICHAEL KOHLHAAS Heinrich von Kleist Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin Premiere 23. Juli 2021 – 19.30 Uhr Vorstellungen 24. und 25. Juli – 19.30 Uhr | Theater am Kornmarkt MICHAEL KOHLHAAS 31

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