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Festspielzeit Sommer 2022 - 2

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

ELSE MAL ANDERS

ELSE MAL ANDERS 16

Franui ist immer für Überraschungen gut – im falschen Film ist man bei ihnen nie. Gemeinsam mit dem Kabarett-Duo Maschek widmet sich die Osttiroler Musicbanda nun dem Stummfilmklassiker Fräulein Else aus dem Jahr 1929. St. Moritz. Einer der schillerndsten Kurorte der Welt. Idyllische Schneelandschaften. Türkisblaue Bergseen. Noble Grand Hotels. Luxus und Extravaganz, wohin das Auge blickt. Wochen der Unbeschwertheit. Doch dann: ein Brief. Die Familie vor dem Bankrott. Die einzige Hoffnung: ein reicher Kunsthändler. Dessen Angebot: zutiefst unmoralisch. Die Entscheidung: die Familie retten oder auf Selbstbestimmung bestehen. Was tun? Die Novelle Fräulein Else, 1924 veröffentlicht, zählt zu den bekanntesten Werken Arthur Schnitzlers und blickt auf unzählige Bearbeitungen, insbesondere filmischer Art, zurück. Die erste dieser Bearbeitungen, ein Stummfilm aus dem Jahr 1929, wird heuer bei den Bregenzer Festspielen zum Ausgangspunkt eines Abends, der das Werk wieder zum Leben erweckt und dabei neue, überraschend heutige Sichtweisen eröffnet. Fräulein Else verhandelt eine Geschichte, deren Dimensionen sich zugegebenermaßen nicht unbedingt für eine launige Bearbeitung, wie sie Maschek so meisterhaft beherrscht, anbietet. Die Geschichte der 19-jährigen Else, die ihre Familie vor dem finanziellen Ruin retten soll, dabei jedoch an der Forderung des Geldgebers zerbricht, sich ihm nackt zu zeigen, wirkt gerade vor dem Hintergrund gegenwärtiger Debatten besonders aktuell. Wie begegnet man heute dieser Thematik angemessen? Im Fall von Maschek entschied man sich dazu, das filmische Material zu zerlegen und neu zu collagieren, ohne aber dabei die Verbindung zum Original aufzugeben. Das Original: der gleichnamige Stummfilm, bei dem Paul Czinner als Regisseur und Drehbuchautor wirkte, seine Frau Elisabeth Bergner als Darstellerin der Else. Jahrelang drehte Bergner fast ausschließlich mit ihrem Mann – ein erfolgsverwöhntes Traumpaar des deutschen Films. Doch Czinners Umarbeitung des Werks hin zum Stummfilm stellte ihn vor eine Herausforderung. Schildert Schnitzler die Geschichte der jungen Else als inneren Monolog, also allein über ihre intimsten Gedanken und Empfindungen, galt es für den Stummfilm, ohne diese Innenschau auszukommen. Es entstanden Bilder, die teils erheblich von der literarischen Vorlage abwichen – sehr zum Leidwesen Schnitzlers: »Die Leistung von Elisabeth [Bergner] wundervoll – nur ist es […] eine ganz andere Else als ich gedichtet hatte.« Dementsprechend kontrovers wurde der Film auch vonseiten der Kritiker besprochen: Verlangten die einen, Czinner gar die »Schankkonzession« zu entziehen, war man anderswo voll des Lobes über die freie Adaption der Novelle und besonders über die schauspielerische Leistung Elisabeth Bergners. Ebendieser Film aus der Frühzeit des Kinos wird nun – knapp 100 Jahre nach der Veröffentlichung – erneut zum Ausgangspunkt eines Remakes. Nachdem sie sich bereits 2019 mit Reigen höchst erfolgreich einem Werk Schnitzlers gewidmet hatte, entschloss sich die Musicbanda Franui zur Vertonung von Fräulein Else. Wie aber mit dem Fehlen des inneren Monologs umgehen? Der Suche nach einer Antwort auf diese Frage entsprang eine außergewöhnliche Idee: die Zusammenarbeit mit Maschek. Das Kabarettisten-Duo, das seit über 20 Jahren mithilfe von Neusynchronisationen einen parodistisch-kritischen Blick auf die Tagespolitik wirft, gleicht mittels Live-Synchronisation und treffsicherer Pointen das fehlende sprachliche Moment aus, während die Musik die Verbindung zu Schnitzlers Welt des Fin de Siècle aufrechterhält. So werden die Bilder von Czinner zum Ausgangspunkt neuer Geschichten, die sich einer eindeutigen Interpretation entziehen, dabei aber nicht auf Anleihen aus dem Hier und Jetzt verzichten. Vor dem Hintergrund der winterlichen Idylle in St. Moritz treffen Welten aufeinander, aus deren Symbiose ein unwiderstehlicher Abend des Unerwarteten entsteht. Tragische Innenschau trifft auf launigen Außenblick, totale Stille auf vieldeutige Klangwelt. FESTSPIELHAUS FRÄULEIN ELSE Musicbanda Franui | Maschek Remake des Stummfilms Fräulein Else nach Arthur Schnitzlers Novelle (D 1929, Regie: Paul Czinner) | Live synchronisiert und vertont Vorstellung 3. August – 17.00 Uhr Festspielhaus FRÄULEIN ELSE 17

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