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Festspielzeit Sommer 2022 - 2

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FESTSPIELHAUS Frau

FESTSPIELHAUS Frau Heinrich, von wem ging eigentlich die Initiative zur Errichtung einer Orchesterakademie aus? Sophie Heinrich: Die Idee kam von unserem ehemaligen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada, dem die Arbeit mit dem musikalischen Nachwuchs sehr am Herzen liegt. Es ist schade, dass er nun nicht mehr bei deren Umsetzung dabei ist. An seiner Stelle übernimmt Daniel Cohen die musikalische Leitung der Orchesterakademie. Cohen hat selbst als Geiger im West-Eastern Divan Orchestra wertvolle Erfahrungen in einem Akademieorchester sammeln können. Wir kennen uns auch gut, 2019 dirigierte er die Oper im Festspielhaus, Jules Massenets Don Quichotte. 2021 folgten einige Vorstellungen von Giuseppe Verdis Rigoletto. Er wird die Orchesterakademie sicher hervorragend leiten. Über 300 Personen aus der ganzen Welt haben sich für die Orchesterakademie beworben. Ist das allein nicht schon ein Erfolg? Das sehe ich auch so. Es spiegelt auch den großen Wunsch der Studierenden wider, Erfahrungen im Orchester zu sammeln. »Die Akademie ist bereits jetzt ein Anziehungspunkt für junge Leute aus der ganzen Welt.« Ich selbst habe als Jugendliche mit Freude und Dankbarkeit in vielen Jugendorchestern gespielt. Ich hatte dann großes Glück und durfte bereits mit 21 Jahren bei 20 den Berliner Philharmonikern als Substitut arbeiten. Ich habe deshalb nie in Nachwuchsschmieden wie dem Gustav Mahler Jugendorchester gespielt. Aber ich glaube total an das Konzept und den Nutzen der Orchesterakademien für Studierende! Es ist nicht nur eine tolle Plattform zum gegenseitigen internationalen Austausch, gerade auch für junge Leute, die nicht aus einem Musikerhaushalt kommen. Ich halte es auch für eminent wichtig, die Orchesterausbildung schon in frühen Jahren angeboten zu bekommen. Man arbeitet mit erstklassigen Mentoren, die in renommierten Orchestern musizieren und ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz weitergeben. Erfahrungen, die man womöglich im Konzertfachstudium gar nicht machen kann. An den Hochschulen und Universitäten wird man ja vornehmlich auf die Karriere als Solist oder als Solistin vorbereitet. Das ist auch sinnvoll, weil junge Instrumentalisten später auch solistisch vorspielen müssen, um eine Orchesterstelle zu bekommen. Was aber an den Hochschulen eher vernachlässigt wird, sind Aspekte des gemeinsamen Musizierens. Wie spielt man überhaupt in einer Gruppe? Klingt banal, ist es aber überhaupt nicht. Ich finde es auch bedauerlich, dass im Studium nicht mehr Kammermusik gemacht wird. Diese ganzen Erfahrungen in einer Gruppe, in einem Team, gehen bei einer rein solistischen Ausbildung wirklich verloren. Umso mehr freue ich mich, dass es die Orchesterakademie in diesem Jahr zum ersten Mal gibt. Die Entwicklungsmöglichkeiten sind gewaltig: Es gibt nicht nur das Vorarlberger Landeskonservatorium in Feldkirch – die zukünftige Stella Vorarlberg Privathochschule für Musik –, das ebenfalls ein Kooperationspartner ist. Die neue Orchesterakademie ist bereits jetzt ein unglaublicher Anziehungspunkt für junge Leute aus der ganzen Welt.

Wie wählt man denn überhaupt aus über 300 Bewerbungen die richtigen Personen aus? Als Vierjährige begann Sophie Heinrich das Violinspiel und steht seitdem auf der Bühne, seit 2019 ist sie Konzertmeisterin der Wiener Symphoniker. In diesem Sommer bietet das Orchester – gemeinsam mit den Bregenzer Festspielen und dem Vorarlberger Landeskonservatorium – mit der Orchester- akademie eine erstklassige Ausbildungsplattform für junge Menschen. Was erwartet die Mitglieder der Orchesterakademie? Die jungen Musikerinnen und Musiker proben eine Woche lang intensiv das Konzertprogramm, das am 14. August in einer Matinee präsentiert wird. Es beginnt mit Stimmproben, die von einem Mitglied der Wiener Symphoniker als Mentor betreut werden. Die ersten Violinen sind beispielsweise bei mir. Der Dirigent führt anschließend in Tutti-Proben die Stimmen zusammen und arbeitet an der musikalischen Interpretation. In dieser komprimierten Zeit kann man viel lernen. Uns Dozentinnen und Dozenten kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Natürlich setzt man vielversprechende Talente gerne auch an die vorderen Pulte, nicht zuletzt auch, damit sie Erfahrungen in einer Führungsposition machen können. Man muss dennoch vermitteln, wie wichtig auch die hinteren Pulte sind, um einen homogenen Gruppenklang zu realisieren. Das möchte ich auf jeden Fall ansprechen. Diese sehr streng hierarchisch gedachten Orchestersysteme finde ich auch etwas aus der Zeit gefallen. Die jungen Leute sind so fantastisch ausgebildet, es sollte wirklich mehr die Teamarbeit im Vordergrund stehen. Ein Wunsch von mir ist auch, junge Frauen zu motivieren, damit sie sich auch auf Führungspositionen bewerben. Auch die Hochkultur sollte gleichberechtigter und vielfältiger werden. Das erste Pult der Orchesterakademie ist ja auch mit zwei Musikerinnen besetzt … … und das ist ausschließlich von den Leistungen her begründet, wenngleich es kein einfacher Prozess war. Jede Bewerberin und jeder Bewerber musste ein Video mit ausgewählten Orchesterstellen – Auszüge aus Schostakowitschs Symphonie Nr. 5 d-Moll – einsenden. Interessenten an einer Führungsposition konnten zusätzlich noch zwei Solostellen aufnehmen. Die überzeugendste Bewerbung in der Stimmgruppe Violine kam jedoch von einer jungen Frau, die die Solostellen nicht eingespielt hatte. Sie hatte es sich schlicht nicht zugetraut. Ich habe sie dann angerufen und gesagt, sie soll sie unbedingt noch einspielen. Die nachgereichten Videos waren so eindeutig im Vergleich, dass sie nun unsere Konzertmeisterin ist. Frauen brauchen manchmal einen »kleinen Tritt in den Allerwertesten«. Sie haben oftmals kein großes Selbstvertrauen, stattdessen eine Menge Zweifel – das muss sich ändern! Mit System. Meine Kollegin aus den zweiten Geigen, Frau Elzbieta Sojka, und ich haben zunächst einmal unabhängig voneinander alle Bewerbungsvideos der Violinen gesichtet. Manches hört man sofort, da sind die Entscheidungen eindeutig. Manche Videos musste man aber auch zwei oder dreimal spielen. Auch die Körpersprache ist ein Kriterium, vor allem, wenn es darum geht, ob diese Person eine Gruppe anführen kann. Es ist ein langwieriges, anstrengendes Verfahren und man muss viel Zeit investieren. Zuhören ist eine Qualität im Leben wie in der Musik, die geübt werden muss und Kraft kostet. Nach der Sichtung haben wir stundenlang zusammengesessen und die Entscheidungen getroffen. Es gab ein paar Kandidaten, über die wir diskutieren mussten, aber die meisten Entscheidungen fielen ziemlich schnell und im Einvernehmen. Erst danach haben wir die Lebensläufe gelesen. Was wünschen Sie der Orchesterakademie? Ich denke, die Orchesterakademie passt perfekt nach Bregenz. Sie ergänzt und bereichert das Festival und bildet ein Pendant zum Opernstudio. Und wer weiß, was alles noch möglich sein wird? Bregenz im Sommer ist mit seiner traumhaften Lage am Bodensee und seiner einzigartigen, entspannten Festivalatmosphäre ein Ort der Begegnung, den Sie so nicht einmal in Salzburg finden können. Die Orchesterkonzerte werden präsentiert von ORCHESTERAKADEMIE 21

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