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Festspielzeit Winter 2015

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

SPIEL AUF DEM SEE

SPIEL AUF DEM SEE Turandot hat in meinem Leben eine immense Rolle gespielt, weil diese Partie einer Sängerin stimmlich so viel abverlangt. Sie wird meistens von mehr oder minder hochdramatischen Sopranen gesungen, das war ich nicht. Es war immer eine Grenzpartie für mich, die ich nicht häufiger als zweimal in der Woche singen konnte, was bei anderen Partien möglich war, die mir mehr in der Kehle lagen. Ich denke aber, die Turandot müsste gar nicht so gewalttätig klingen. Der eigentliche Inhalt ist ja, dass sie sicherlich eine begehrenswerte Frau ist, aber noch unangetastet von alltäglichen Schwierigkeiten. Mit Männern hat sie noch gar nichts zu tun. Sie erzählt nur, dass ihre Vorfahrin Schreckliches erlebt hat, was sie so tief beeindruckt hat, dass sie nichts mehr von Männern wissen wollte. Sie müsste eigentlich eine zerbrechliche, noch kindlich wirkende Person sein und nicht so eine immens Aufgedonnerte, wie man sie meistens hört. Sie lässt einfach allen den Kopf abschlagen, die da kommen und die Rätsel nicht lösen können. Salome müsste auch so kindlich sein. Doch Puccinis Komposition erlaubt kaum so eine Aufführung, wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Ich habe die Rolle der Turandot zum ersten Mal in den USA gesungen. Nachdem sie mir der Dirigent Fausto Cleva angeboten hatte, war ich überzeugt, das wäre nicht das Richtige für mich. Doch Cleva war sich sicher: »Wir machen das zusammen, ich möchte das mit dir machen! Du verlässt dich ganz auf mich.« Ich war noch verhältnismäßig jung und alles andere als eine hochdramatische Sängerin, gar nicht zu vergleichen mit den großen Wagner-Sängerinnen, die Turandot gesungen haben. Ich war dann aber fasziniert von der Rolle, habe sie sehr viel gesungen und wohl auch anders gespielt, als man sie eben sonst spielt. Schon in der großen Auftrittsarie in der Mitte des zweiten Akts, als Turandot sagt, dass sie von Männern nichts wissen möchte, müsste ihr Wunsch, zu erfahren, wie das mit der Liebe ist, spürbar sein. Das kommt selten richtig heraus. Heraus kommt meistens, dass da eine unnahbare Frau ist, die eine wahnsinnige Stimme hat und furchtbar hohe Töne singen muss. Wenn es dann doch einer – nämlich Calaf – schafft, die Rätsel zu lösen, ist sie in großer Not, weil sie keine Ahnung hat, was ihr bevorsteht. Mein Bestreben in meinen 40 Jahren Bühnenleben war immer, die Schicksale, die ich darzustellen hatte, glaubhaft zu machen. Natürlich habe ich auch die Turandot nicht nur als Stehpartie empfunden, die nur hohe Töne singt. Auch aufgrund meiner Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar war es wohl der Haupterfolg meiner Karriere, dass ich immer versucht habe, aus den Figuren miterlebbare Menschen zu machen. Bei Turandot lässt sich schon bei der ersten Begegnung mit Calaf zeigen, dass sie ihn durchaus attraktiv findet, aber natürlich damit rechnet, dass er es nicht überleben wird. Schon nachdem er das erste Rätsel gelöst hat, wird sie unsicher, und nach dem zweiten ist sie ganz verzweifelt, zumal das Publikum um sie herum ihn ermuntert und auffordert: »Nimm dich zusammen!« Die Menschen um sie herum sind ja pro Calaf und das ist für sie eine unglaubliche Herausforderung als Frau. Bisher war sie immer diejenige, die im Recht war, weil keiner überhaupt das erste Rätsel lösen konnte. Ich denke, dass man auf meiner Aufnahme dieser Partie mein schauspielerisches Erleben dieser Rolle auch in der Stimme hören kann. Die Entstehung dieser Aufnahme wird mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Ich habe mich immer intensiv vor jedem Auftritt und jeder Aufnahme vorbereitet, vor allem mit Einsingen. Für Turandot musste ich meine Stimme anders drapieren als zum Beispiel für Fidelio. Fidelio und Turandot, das sind riesengroße Unterschiede. Turandot ging immer an den Rand meiner Möglichkeiten, so dass ich mich äußerst vorsichtig vorbereitet habe, um nicht vorher müde zu werden. Die Aufnahmen dauerten mehrere Tage, immer wieder hieß es: »Heute ist der Tag deiner Arie!« Und mehrmals kamen wir aus Zeitgründen erst gar nicht bis zu dieser Stelle oder es gab Fehler im Orchester. Ich war innerlich vorbereitet, die Arie zu singen und es kam nicht dazu! Nachdem das ein paar Mal passiert war, stürmte ich wütend in den Aufnahmeraum, um mich bei den Kollegen zu beschweren. Leider übersah ich dabei eine Glastüre. In meiner hellen Wut raste ich in diese Glastüre hinein und verletzte mich am Arm. Das wäre nun der Tag der Aufnahme gewesen, aber ich wurde erst einmal ins Krankenhaus gefahren, um meinen blutenden Arm verarzten zu lassen. Ich war sehr verletzt. Bis heute sehe ich die Turandot-Narbe an meinem Arm. Mein Mann hat dann immer gescherzt, dass meine Aufnahmen und Vorstellungen immer besser wurden, wenn ich vorher wütend war oder etwas schiefgegangen war. Die Aufnahme meiner Arie fand dann am nächsten Tag statt, bis heute bin ich sehr zufrieden damit. Puccinis Musik ist für mich deshalb etwas Besonderes, weil sie so einen hohen Unterhaltungswert hat. Man ist nie gelangweilt. Es ist großartig, wie ihm immer wieder eine tolle Melodie einfiel. Jeder, der sich nicht unbedingt intensiv mit Musik auseinandergesetzt hat, kann mit Puccini begeistert werden. Ich habe bei ihm immer einen viel direkteren Draht zum Publikum gespürt als bei anderen Komponisten. INGE BORKH wurde 1921 in Mannheim geboren. Sie trat an allen bedeutenden Opernhäusern weltweit auf. Die Titelrollen in Richard Strauss‘ »Salome« und »Elektra«, Ludwig van Beethovens »Fidelio« und Puccinis »Turandot« standen im Fokus ihres Repertoires. 1973 beendete sie ihre Opernkarriere und wirkte anschließend als Chansonsängerin und Schauspielerin. Seit vielen Jahren besucht sie die Bregenzer Festspiele. 12

MEIN PUCCINI MEIN PUCCINI von Inge Borkh 13

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