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Festspielzeit Winter 2015

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

OPER IM FESTSPIELHAUS

OPER IM FESTSPIELHAUS das Stück auf den Bühnen meist umgekehrt eingestrichen. Der Star, der den Hamlet spielt, reiht Monolog an Monolog. Die anderen Figuren werden zu Stichwortgebern. Hier in der Oper bewahrt Ophelia das Maß, das sie auch im Schauspiel hat. Hamlet behält seine Position, dominiert aber nicht mehr so, weil Gertrude und Claudius in ihrer Problematik und vor allem in den Szenen, in denen sie ihre Tat reflektieren, in den Gewissensbissen, dem Gequälten, dem Zerrissenen ihrer Figuren viel stärker zur Geltung kommen als in manchen Schauspielfassungen. Selbstverständlich lässt sich das im Schauspiel auch inszenieren, Tradition war es um 1860 aber nicht. Damals stand die Titelfigur immer im Vordergrund. Hier machen Boito und Faccio etwas sehr Spannendes, indem sie dem Mörderpaar Claudius und Gertrude großen Raum geben und die Rollen durch die Komposition auch ein anderes Profil bekommen. Der Claudius, der uns in vielen Inszenierungen des Sprechstücks als rationaler, pragmatischer, sehr beherrschter Realpolitiker entgegentritt, wird hier zu einem von Lebensgier Getriebenen. Sein Trinklied ist zugleich ein Requiem auf die Toten, wenn er abrupt ohne Übergang wechselt zwischen »Requiem den Verstorbenen« und Glück, Freude, Lust den Lebenden. Diese Angst, das Leben nicht bis zum letzten Tropfen auszukosten, weil es jeden Moment vorbei sein kann. Er hat es selbst erlebt, er hat jemanden umgebracht, der gerade noch lebendig war, ein Tropfen Gift und er war tot. Daher kommt diese Lebensgier. Dieser animalische, zupackende Claudius des ersten Bildes ist eine Entdeckung, mit der man nicht gerechnet hat. Genauso gibt dann sein Gebet, sein Hadern mit Gott, sein Versuch, den begangenen Mord zu verarbeiten, der Figur wiederum eine neue Dimension. Parallel dazu Gertrude. Nach ihrer großen Szene mit Hamlet, wenn sie allein zurückbleibt, sieht und vor allem hört man eine zerrissene Seele und den Versuch, dieses Geschehen zu verarbeiten. Diese Gewissensbisse, diese Tat führt Hamlet durch ein Theaterspiel vor. Kann das Spiel die Wahrheit anders oder besser enthüllen als die Wirklichkeit selbst? Wie wichtig ist diese Spielebene in der Oper? Das ist eine der Grundfragen für jede Hamlet-Inszenierung: Sein oder Schein? Das kann so weit gehen, dass Hamlet sich fragt: Was ist das Leben überhaupt? Was ist der Tod? Wo ist Existenz real? Ist das alles ein Spiel? Das sind Fragen, die sich über Hamlet hinaus quer durch Shakespeares Werk ziehen. Die Welt als Bühne, unser Leben als ein Spiel, das Rollenhafte unserer Existenz. Wenn wir aufhören, eine Rolle zu spielen, gibt es dann den Kern eines Ichs? Was ich mir bis heute nicht erklären kann, ist, warum Boito Hamlets Rede an die Schauspieler nicht in sein Libretto für Faccio aufgenommen hat. Es würde so zu ihm passen! Zu ihm und auch zu dem ganzen exzentrisch-avantgardistischen Anstrich, den sich die Scapigliati-Bewegung generell gerne gegeben hat. Als verrückte Tenor-Nummer, da unser Hamlet nun einmal ein Tenor ist, oder der Situation entsprechend als Melodram. In der nicht erhaltenen Urfassung von Boitos eigener Oper Mefistofele gab es anscheinend mehrere vom Orchester untermalte, gesprochene Szenen. Allerdings wäre aus der berühmten Rede an die Schauspieler dann wohl eine Rede an die Opernsänger geworden, denn die Gaukler, die im zweiten Akt auftreten, sind bei näherem Hinsehen gar keine Schauspieler, sondern es wird hier am Königshof eine von Hamlet inszenierte Oper aufgeführt. Hier kommt es auch zu Insiderscherzen und Anspielungen, die nicht von Shakespeare sind, sondern sich auf die damals für die Autoren aktuelle Situation »Verdi und die Newcomer« beziehen. In den Chorpartien wird die »alte« Oper gegen die »neue« ausgespielt: Das sei ja langweilig und zum Einschlafen, singt der »Chor der jungen Zuschauer», während ein »Chor der alten Zuschauer« gleichzeitig Lobeshymnen auf die traditionelle Kunst der Vorfahren anstimmt. OLIVIER TAMBOSI wurde in Paris geboren und studierte in Wien Philosophie und Theologie sowie Musiktheaterregie. Er war Gründer und künstlerischer Leiter der »Neuen Oper Wien« und anschließend Oberspielleiter des Stadttheaters Klagenfurt. Seit 1996 ist er freiberuflicher Regisseur und mit seinem breiten Repertoire an den verschiedenen Opernhäusern rund um den Globus tätig. 22

OPER IM FESTSPIELHAUS HAMLET FRANCO FACCIO PREMIERE 20. Juli – 19.30 Uhr HAMLET VORSTELLUNGEN 25. & 28. Juli – 19.30 Uhr 23

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