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Festspielzeit Winter 2016

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

SPIEL AUF DEM SEE Sie

SPIEL AUF DEM SEE Sie haben zahlreiche Opern an verschiedenen Theatern inszeniert, Mozarts Don Giovanni in einen zeitgemäßen Film verwandelt, leiten eines der bedeutendsten Opernhäuser dieser Welt – welche Herausforderungen bietet eine Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne? Kasper Holten: In mancher Hinsicht ist die Entwicklung einer Inszenierung für die Bregenzer Seebühne komplett anders als alles, was ich bisher getan habe. Ich habe neue Wege gelernt, an Dinge heranzugehen und mich mit besonderen Umständen auseinanderzusetzen. Auf dem Wasser und in diesem Maßstab etwas zu entwickeln, eröffnet einige interessante Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Die Bühnenbildnerin Es Devlin und ich mussten Jahre daran arbeiten, um tatsächlich zu verstehen, was auf dieser außergewöhnlichen Bühne möglich ist und was nicht. Wir mussten uns Dinge bewusst machen, an die man in einem Theater niemals denken oder die man nicht erwarten würde, bevor die Arbeit für Bregenz beginnt: Zum Beispiel kann sich der Wasserspiegel während des Sommers um mehrere Meter verändern. Wir mussten also eine Bühne erfinden, die auf unterschiedlichen Höhen funktioniert – vor allem, wenn man unbedingt mit dem Wasser arbeiten möchte, was wir wollen! Gleichzeitig ist es aber auch wie jede andere Inszenierung: Im Wesentlichen geht es darum, eine Geschichte zu erzählen und in der Kombination sämtlicher in der Oper möglichen Kunstformen unter die Oberfläche des menschlichen Daseins zu gelangen. Es geht darum, der Seele, den Gefühlen, dem Irrationalen, kurzum allem Wichtigen, was unser Leben ausmacht, eine Sprache zu geben, was aber letztlich unmöglich nur mit Worten zu erfassen ist. So gesehen – sei es Carmen auf der Bregenzer Seebühne oder die kleinste Inszenierung in einem winzigen Theater – ist die erzählte Geschichte das Entscheidende und wie sich diese auf das Publikum überträgt. Jeder scheint Carmen zu kennen, die durch Georges Bizets Oper zu einem Mythos geworden ist. Was fasziniert Sie an dieser Figur? Ich denke nicht, dass man eine Aufführung über Carmen an sich inszenieren kann. Man kann eine Aufführung über eine Carmen inszenieren. Also müssen wir uns entscheiden. Jeder wird unterschiedliche Ideen und Erwartungen an die Hauptfigur haben, an den Mythos Carmen. Aber eine Person ist kein Mythos. Wir müssen eine Carmen wählen, mit einer wirklichen Seele, einer Vergangenheit, mit Träumen und Ängsten. Wir müssen versuchen, unter ihre Oberfläche zu gelangen, sie von innen heraus zu verstehen und dem Publikum davon einen flüchtigen Blick zu geben, mehr als es mit einem Mythos zu konfrontieren. Jede noch so mythische Figur ist eine Person. Nur indem wir sie zu einer wirklichen Person machen – sogar in diesem enormen Ausmaß, können wir meiner Ansicht nach beim Publikum ein wahrhaftes Interesse für sie wecken. »Wovon träumte das kleine Mädchen Carmen und wie wurde sie zu dem, wie wir sie in der Oper erleben?« 10

KASPER HOLTEN wurde in Kopenhagen geboren. Er war unter anderem künstlerischer Leiter des Aarhus Sommeropera Festivals, bevor er mit nur 27 Jahren zum künstlerischen Direktor der Königlichen Dänischen Oper berufen wurde. 2011 wechselte er als Direktor des Royal Opera House nach London. Mehr als 60 Opern-, Schauspiel-, Operetten- und Musicalproduktionen hat Holten weltweit inszeniert. CARMEN Es interessiert mich, Carmens verlorene Unschuld zu finden, wahrscheinlich mehr als die Sexbombe. Wovon träumte das kleine Mädchen Carmen und wie wurde sie zu dem, wie wir sie in der Oper erleben? Carmen und Don José sind beide Außenseiter, doch wie wurden sie dazu und was denken diese Außenseiter im Inneren, wie ihre Welt aussieht? Schicksal spielt eine bedeutende Rolle in der Oper. Nachdem sie in den Karten gelesen hat, ist Carmen davon überzeugt, dass sie sterben wird. Hätte es andere Wege für Carmen und Don José gegeben? Das Schicksal ist sehr wichtig, aber das Schicksal ist letztlich auch etwas Menschengemachtes. Was Don José Carmen antut – einen anderen Menschen zu töten; zu denken, dass sie sein Eigentum sei –, ist unverzeihlich. Wir müssen zeigen, dass Gewalt – vielleicht besonders von Männern gegenüber Frauen, die sie lieben – inakzeptabel ist. Aber wirklich schrecklich in diesem Werk ist, was Don José und Carmen sich selbst antun, wie sie andere bestimmen lassen, wer sie sind und wie sie handeln. Es gibt immer einen anderen Weg. Natürlich hätte es einen anderen Weg gegeben. Das ist die Tragödie. Der Stierkampf, die andalusische Hitze, das spanische Kolorit sind offensichtlicher Bestandteil des Werks, obwohl Bizet selbst nie in Spanien war. Wie wird diese spanische Atmosphäre auf die Seebühne kommen? Es ist mir ein großes Anliegen, dass die sogenannte spanische Atmosphäre nicht zum Klischee wird. Das Werk hat Temperament, und wir werden uns durch Luft, Wasser und Feuer bewegen, damit es auch in einer frischen Sommernacht eine schweißtreibende Aufführung wird. Diese Elemente bilden einen bedeutenden Hintergrund für die Geschichte, die wir mit Videoprojektionen, Kostümen und Bewegungen vermitteln werden. Aber letztlich wird die Geschichte stark durch ihre Charaktere und das, was sie sich selbst und anderen antun. Das ist leider nicht auf Spanien beschränkt. Stärker als in Prosper Mérimées Novelle erleben wir in der Oper zwei weitere Hauptfiguren, Micaëla und Escamillo. Wie lassen sich ihre Rollen beschreiben? Escamillo repräsentiert für mich in vielen Dingen die männliche Parallele zu Carmen. Doch während Carmen letztlich geopfert werden 11 muss, wird die männliche Version stattdessen offenbar gefeiert. Escamillo zeigt sich gern als Mythos und ist ziemlich oberflächlich in seiner Suche nach der nächsten Geliebten. Es ist traurig, dass er Carmen einen leichten Ausweg anbietet, anstatt dass sie sich wirklich mit den Gefühlen auseinandersetzt, die sie wohl für Don José empfindet und die sie ängstigen. Micaëla ist unfassbar mutig. Ihre Arie im dritten Akt gibt mir einen Eindruck, wie es für ein Mädchen sein muss, nach Aleppo zu reisen, um ihren Freund, ihre wirkliche Liebe, zu finden und zurückzuholen. In einer Welt voller Menschen, die egoistisch, aber auch selbstzerstörerisch handeln, ist sie für mich die einzige, die wahrhaft selbstlos handelt. Aber auch Micaëla ist verdammt: Sie möchte etwas, das sie nicht haben kann: Don Josés Liebe. Das ist eine der traurigen Lehren aus diesem Drama: Wie sehr sie auch verdient sein mag, man kann nie die Liebe eines anderen beanspruchen oder sein Leben davon abhängig machen. Zuerst muss man die Liebe zu sich selbst finden. Die Fragen stellte Olaf A. Schmitt.

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