Aufrufe
vor 1 Jahr

Festspielzeit Winter 2019

  • Text
  • Rigoletto
  • Nero
  • Armida
  • Kohlhaas
  • Dotcom
  • Orchesterkonzerte
  • Symphoniker
Das Magazin der Bregenzer Festspiele

Sie haben mehrfach in

Sie haben mehrfach in Bregenz inszeniert, unter anderem den Hamlet von Franco Faccio, für den Arrigo Boito Shakespeares Drama in ein Libretto verwandelt hat, so wie er auch für Verdis Otello und Falstaff die Textbücher schrieb. Was macht Boitos Kunst aus – und was ist spannender, der Dichter oder der Komponist? OPER IM FESTSPIELHAUS Olivier Tambosi: Was mich persönlich immer fasziniert hat, ist Boitos selbstgewähltes Outsidertum als Komponist. Als Schriftsteller und Verfasser genialer Opernlibretti allgemein anerkannt, ist er als Theoretiker, Anreger, Förderer und Mitarbeiter vieler seiner Kollegen aus der Operngeschichte nicht wegzudenken. Boito arbeitete sein halbes Leben an Nero, es war sein Opus Magnum, aber auch ein Alptraum (»l'incubo nero«, wie er mit einem Wortspiel an Verdi schrieb). Toscanini setzte sich immer wieder für die Vollendung des Werks ein und leitete die posthume Uraufführung. Was ist das Besondere an dieser Oper? Boito abeitete sogar weit länger als sein halbes Leben an dieser Oper: Als er 1918 im Alter von 76 Jahren in Mailand stirbt, sind 56 Jahre vergangen, seit die obsessive Beschäftigung mit dem Nero-Stoff zum ersten Mal in der Korrespondenz des 20-Jährigen auftaucht. Es gibt in der gesamten Opernliteratur kein anderes Beispiel für eine derart lange Entstehungsgeschichte eines Werkes. Dazu kommt seine akribische Vorbereitung, während derer er zuerst etwa zwölf Jahre lang Material über Nero und seine Zeit sammelte, den Stoff quasi als Dramaturg und Historiker für sich aufbereitete. Dann aber komponierte er seine Oper nicht nur als ein für seine Zeit typisches Historiengemälde, wie wir es zeitgleich in Romanen wie Ben Hur (Lew Wallace, 1900) oder Quo Vadis (Henryk Sienkiewicz, 1895) finden, sondern spürte zugleich in Text und Musik effektiv der Psychose seines Protagonisten nach. Was interessiert Sie als Regisseur an dem Werk? Die menschliche Natur in ihrer Zerrissenheit zwischen Kreativität und Zerstörung in der Figur des Nero. Dazu kommt Boitos Faszination durch das Ungewöhnliche und Unheimliche; sein Drang zum Gestalten des Abseitigen, Dekadenten, Dunklen. Dabei geht Boito über die der Kunst von jeher immanenten Spiegelung auch der Schattenseiten unserer menschlichen Existenz weit hinaus; in letzter Konsequenz gilt sein Interesse dem Bösen an sich. Die Oper heißt Nero, doch der eigentliche Strippenzieher ist Simon, der Magier. Welcher Charakter ist dieser Nero bei Boito – und inwieweit ist er der Held der Oper? Für mich ist Nero selbst ganz klar die zentrale Figur der Oper, und ich 28 bin überzeugt, dass Boito das auch so zeigen wollte. Neros Psychose dominiert alles, selbst die Szenen, in denen er nicht auf der Bühne ist. Das Liebesleben des historischen Nero, wie wir es aus anderen Vertonungen des Stoffes kennen, spart Boito dabei komplett aus, Octavia und Poppea kommen gar nicht vor. Die Oper zeigt Nero zugleich als Täter und Opfer seiner eigenen Tat: Sie beginnt direkt nach dem Muttermord an Agrippina, den der historische Nero befahl – Boito aber lässt seinen Nero auf eine Art und Weise agieren und fühlen, als hätte er die Mutter selbst eigenhändig ermordet. Die Tötung der eigenen Mutter gilt bis heute in den meisten Kulturen als fast undenkbares Verbrechen; ebenso war der Muttermord schon im alten Rom der wohl größte vorstellbare Tabubruch. In diesem Sinn ist Boitos Oper von Anfang bis Ende – sogar bis in den nicht vertonten fünften Akt

hinein – ein einziger Tatort: Was immer Nero beginnt, wohin er sich auch wendet, seine Tat verfolgt ihn. Dabei ist es nicht Reue, die ihn umtreibt, sondern Angst vor der Strafe der Erinnyen, der Rachegöttinnen. Nachdem sein Versuch, sich durch religiöse Rituale reinzuwaschen, scheitert, will er sich durch kreatives Schaffen als Künstler von seiner Tat befreien. Mehr und mehr identifiziert er sich mit dem Orest der griechischen Tragödie, der seine Mutter allerdings nicht aus Hass oder Machtgier, sondern gegen seinen eigenen Willen als Sühne für ihren Mord an seinem Vater im Auftrag der Götter getötet hatte. Dabei zeigt Boito den Künstler Nero nicht als lächerlichen Schmierenkomödianten, wie wir ihn aus diversen Verfilmungen kennen, sondern als einen besessen und verzweifelt Suchenden, der sich mit fortschreitender Psychose daran macht, unter dem Motto »Il Mostruoso è il Bello« (»Das Schreckliche ist das Schöne«) in der wirklichen Welt und mit gleich drei Religionen mit ihren jeweiligen spirituellen Ansätzen und Weltbildern aufeinanderprallen: den esoterischen Gnostizismus des Simon Mago, das frühe Christentum des Propheten Fanuèl – einer Jesusgestalt, hinter der sich eigentlich der Apostel Paulus während seines Romaufenthalts verbirgt – und die offizielle römische Staatsreligion. Simon Magos Rituale sind zwar Täuschungen für seine Anhänger, trotzdem glaubt er selbst an höhere Mächte und an die Fähigkeit seines christlichen Gegenspielers Fanuèl, Wunder zu vollbringen. Er macht ihm sogar den Vorschlag, ihre Kräfte zu verbinden, um gemeinsam die Weltherrschaft zu übernehmen, was Fanuèl entrüstet zurückweist. Das erinnert an die Prüfung Jesu durch den Teufel auf dem Berg der Versuchung, und tatsächlich thematisiert Boito in seinem Dualismus hier den Kampf zwischen Gut und Böse, der allerdings – und das ist wieder eine Besonderheit dieser ungewöhnlichen Oper – unentschieden bleibt. OPER IM FESTSPIELHAUS NERO Arrigo Boito Tragödie in vier Akten (1924) | Libretto vom Komponisten | In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln Musikalische Leitung Dirk Kaftan Insze nie rung Olivier Tambosi Bühne Frank Philipp Schlössmann Kostüme Gesine Völlm Bühnenmusik in Kooperation mit dem Vorarlberger Landeskonservatorium Prager Philharmonischer Chor Wiener Symphoniker Premiere 22. Juli 2020 – 19.30 Uhr Vorstellungen 26. Juli – 11.00 Uhr 3. August – 19.30 Uhr | Festspielhaus NERO »Was immer Nero beginnt, seine Tat verfolgt ihn.« wirklichen Menschen eine sadistische Inszenierung seines inneren Grauens zu erschaffen. Simon, der Magier, inszeniert Rituale und Wunder, um Menschen in seinen Bann zu ziehen – Nero entlarvt seine Täuschungen. Ist in diesem Stück alle Religion fauler Zauber? Welche Werte, welche Hoffnungen bleiben übrig? Auch das gehört zu den Besonderheiten dieser Oper: Boito lässt hier Nero hingegen stellt sich selbst jenseits von Gut und Böse und betreibt als Künstler das Projekt seiner eigenen Vergöttlichung. Skurrilerweise wird er dadurch quasi ex negativo zu einem Stammvater des frühen Christentums, zu dessen Konsolidierung und Identitätsfindung das Bild des Nero als Antichrist nicht nur in Boitos Oper, sondern auch in der tatsächlichen geschichtlichen Entwicklung wesentlich beigetragen hat. OLIVIER TAMBOSI wurde in Paris geboren und studierte in Wien Philosophie, Theologie und Musiktheaterregie. Seine Inszenierung von Arrigo Boitos Hamlet begeisterte 2016 das Festspielpublikum. Seither war der freiberufliche Regisseur 2017 mit To the Lighthouse und 2018 mit Maria de Buenos Aires in Bregenz zu erleben. 29

Unsere Dokumente für Sie:

© 2021 Bregenzer Festspiele