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Festspielzeit Winter 2020

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

Ihre beiden

Ihre beiden Tätigkeitsfelder – Theater wie Film – sind von der Corona-Krise hart getroffen. Wie geht es Ihnen? Philipp Stölzl: Derzeit gut, ich danke dem lieben Gott jeden Tag, dass ich zwei Berufe habe. Die vier Bühnenproduktionen dieses Jahres – zwei Neuinszenierungen und zwei Wiederaufnahmen, darunter Bregenz – sind alle weggefallen: Kahlschlag von einem Moment auf den anderen. SPIEL AUF DEM SEE Beim Film wird weitergearbeitet, für Streaming und TV gibt es Bedarf, die Kinos haben zwar eingeschränkte Plätze, doch die amerikanischen Filme sind weg vom Markt: eine Chance für deutsche Filme ... Ich hatte auch Glück, denn wir hatten meine Verfilmung der Schachnovelle von Stefan Zweig gerade – wirklich nur Stunden vor dem Lockdown – fertiggedreht, sodass ich den Film dieses Jahr schneiden und vertonen konnte; Kinostart ist am 6. Jänner. Was den Lockdown und Covid betrifft, habe ich durch diese Doppelberuflichkeit wirklich Glück gehabt, denn es ist bestürzend, was all den anderen – gerade den Opernkünstlern – zugestoßen ist. Ich hoffe, dass im ersten Quartal des nächsten Jahres ein Impfstoff zugelassen wird. Wenn ich U-Bahn und Zug fahre und diese vielen Masken, diese verhüllte Welt sehe: Das macht einen echt traurig. Es nimmt der Gesellschaft sehr viel! Kürzlich war ich im Berliner Schillertheater natürlich mit den leeren Sitzreihen dazwischen, doch ein Drittel der Zuschauer hat für doppelt so viele geklatscht. Da wurde so deutlich, dass das Erleben von Theater ein Grundbedürfnis der Menschen ist. Hoffentlich ist dieser Albtraum bald vorbei! die Begegnung, den Austausch, mit anderen zusammen zu sein. Auch wenn ich jetzt per Skype oder Zoom kommuniziere, fehlt mir das sehr. Die Emotion im Miteinander ist ein Grundtreibstoff von Kunst. Hat sich Ihr Blick auf Rigoletto verändert? Mein Blick auf das Stück und die Inszenierung hat sich nicht verändert, aber der Blick dafür, wie unfassbar wertvoll diese Art von Erlebnis ist: Die Bregenzer Produktion war für alle, die dabei waren, extrem erfüllend. Wir sind immer noch in Kontakt, da gibt es eine ganz starke menschliche Seite. Und wie nach einer Krankheit oder einem Verlust hat die eigentlich schädliche Situation den schönen Effekt, dass man das Wesentliche sieht und wirklich wertschätzt. Für mich persönlich ist dieser Rigoletto ein Fluchtpunkt am Ende dieser dunklen Zeit. Ich wünsch’ mir so sehr, dass wir nächsten Juli da stehen, die Sonne scheint und der Bodensee glitzert, und dass wir wieder Theater machen können für viele Leute – und feiern können, dass diese Zeit vorbei ist! PHILIPP STÖLZL ist in München geboren, wo er Bühnenbild studierte. Er machte sich als Regisseur für Musikvideos und Werbefilme einen Namen. Heute lebt er in Berlin und widmet sich ganz dem Film und der Oper. Ziehen Sie aus der Situation künstlerische Inspiration? Nein! Ich bin als Künstler ein absoluter Miteinander-Mensch, ich liebe Wenn Sie den Festspielsommer 2019 wieder aufleben lassen: Noch nie zeigte das Bühnenbild auf dem See den Titelhelden einer Oper. Wie war das, als Sie die Figur zum ersten Mal sahen? Gab es für Sie diesen 14

Moment des Staunens, als Sie sagten: Boah, ist das jetzt wirklich? Da gab es ganz viele Momente. Man kommt ja nicht hin und sieht es das erste Mal fertig, was man sich ausgedacht hat, sondern von der ersten Zeichnung bis zu unfassbar komplizierten Computersimulationen und ersten Tests und Bauabnahmen von Rohgerüsten – darin stecken vier Jahre Vorbereitung – ist es wirklich, als würde man ein Kind wachsen sehen: Von einer ersten Idee, die wir verworfen haben, über die neue Idee, das Entwickeln des Modells, das Verfeinern und Schleifen im Miteinander mit den Bregenzer Gewerken, immer wieder überlegen, ob man sich so weit wagen und ob das funktionieren kann – wie eine Autofabrik, wo über Jahre hinweg ein neues Modell entwickelt wird. Damit ist man ganz verbunden, man lebt damit. Dieser Rigoletto ist ja ein Werk von vielen, und wir alle waren uns bewusst, dass wir uns damit weit aus dem Fenster lehnen, und nervös, ob bis zur Premiere alles klappt – und als es dann auch genauso aufgegangen ist wie erträumt, waren alle geflasht und total glücklich. Steht von vorneherein fest, welche Szenen von Stuntleuten übernommen werden, oder entscheiden Sie das während der Proben? Das ist bis ins Detail vorgeplant, jede Note, jede Bewegung – da ist nichts, was einem auf den Proben einfallen kann, dafür ist es viel zu kompliziert. Innerhalb von diesem Kopf gibt es eine unfassbare Choreographie, wer da wann wie raus- und reingeht, bei welcher Neigung des Krans mit wieviel Maximalgewicht – das sieht zwar wild nach Theater und Zirkus aus, aber dahinter steht absolutes Vorarlberger Präzisionshandwerk. Wieviel Spielraum bleibt dann noch während der Proben? Der Plan ist das eine, doch der muss auf der Bühne mit Leben gefüllt werden – und da stellen sich natürlich auch bei uns im Detail immer wieder Fragen und Probleme, die erst bei den Proben zu lösen sind. Ich habe einen ganz tollen Regiemitarbeiter, Philipp M. Krenn, ein jüngerer Opernregisseur; zusammen füllen wir, was in jahrelanger Vorplanung auf dem Papier und als 3D-Animation erdacht wurde, auf den Proben mit Saft und Leben: Das ist ein intensiver Probenprozess. Die Sängerinnen und Sänger schätzen das, wenn man mit einem guten Plan ankommt – nicht nur in Bregenz. Bei jeder Art von Opernproduktion erwartet man, dass der Kollege von der Regie sich vorbereitet hat und eine Vision mitbringt, wie das aussehen soll. Einen Plan zu haben, heißt ja nicht, daran zu kleben, wenn’s anders besser geht ... Festspiele sind ja oft auch Werkstatt – werden Sie bei der Wiederaufnahme im kommenden Sommer etwas verändern? Kleinigkeiten. Es gibt eine Sequenz, mit der wir noch nicht so richtig happy waren, da gehen wir nochmal ran – aber im Großen und Ganzen haben wir das Gefühl, dass es so gut dasteht ... ich hab darüber nachgedacht und mir eine Menge Dinge überlegt – und sie dann wieder verworfen, weil ich das Gefühl habe, man verschlimmbessert eher. Abgesehen davon ist der technische Ablauf dahinter so komplex, dass man ihn nicht ohne Not neu aufstellt. RIGOLETTO Für die Sängerinnen und Sänger ist diese Bühnenkonzeption ja eine große Herausforderung. Wie waren die Proben? Unkompliziert – in dem Sinn, dass wir die Produktion sehr genau vorgeplant haben und alle Darstellenden vorher wussten, was von ihnen verlangt wird. Sie haben sich alle darauf gefreut und sich total hineingestürzt – besonders die, die die kitzligen Stellen hatten wie Gilda. Sie hat ja viele Auftritte hoch oben, bei denen sie angeseilt ist, etwa wenn sie die Arie im Ballon singt. Wenn eine solche Stimmung entsteht, wenn alle spüren: Da passiert etwas Tolles, das reißt mit, da will keiner zurückstehen, alle geben ihr Bestes, versuchen, das Limit noch ein bisschen zu pushen, das hatte eine super Energie! Eine große Show mit viel Gefühl für die Figuren und vor allem für Verdis Musik: Philipp Stölzls Rigoletto kehrt im Sommer 2021 auf die Seebühne zurück. 15

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