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Festspielzeit Winter 2020

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

OPER IM FESTSPIELHAUS

OPER IM FESTSPIELHAUS Die Bregenzer Festspiele sind Ihnen vertraut: Um die Jahrtausendwende sangen Sie auf der Seebühne Gustav III., König von Schweden, in Giuseppe Verdis Ein Maskenball, gefolgt von Rodolfo in La Bohème 2001. Zuletzt waren Sie als Calaf in Turandot am See zu erleben. Nun geben Sie die Titelpartie in Arrigo Boitos Nerone. Wie geht es Ihnen mit dem Wechsel zur Oper im Festspielhaus? Rafael Rojas: Ich freue mich sehr, wieder in Bregenz zu sein, an diesem wundervollen Platz mit seiner wundervollen Energie, und auf diesen Sommer der Neuentdeckungen. Ich trete tatsächlich zum ersten Mal bei der Oper im Festspielhaus auf und noch dazu mit einem Rollendebüt. Das bringt frischen Wind in meine Aktivitäten! Und es ist nach Otello in Saarbrücken und Der Maskenball in Hannover meine dritte Arbeit mit dem Regisseur Olivier Tambosi, den ich sehr schätze. Sagten Sie sofort zu, als man Ihnen Nero anbot? Ich brauchte Zeit, da ich das Werk nicht kannte. Die Recherche gestaltete sich aufgrund der dürftigen Quellenlage mühsam: Zur Regentschaft des echten Kaisers Nero sind kaum Fakten verfügbar und zur Oper gibt es noch weniger Hintergrundinformationen. Aber mir war schnell klar, dass die Partie großartig ist und Boito das geschichtliche Thema unfassbar spannend erzählt. Fordert Sie diese Rolle heraus? Ja. Prinzipiell stehe ich jeden Tag um sieben Uhr auf. Der Morgen ist für mich die beste Zeit um zu lernen. Ich trinke einen Kaffee und verschwinde dann für zwei, drei Stunden in meinem Arbeitszimmer. Seit Dezember 2019 beschäftigte ich mich dort mit Nero. Anfangs war ich etwas nervös. Es fällt mir sehr leicht, Noten zu studieren – von Puccini oder Verdi, von all den berühmten italienischen Komponisten, deren Ausdrucksweise mir geläufig ist. Bei einer Oper von Boito, dessen Stil mir unbekannt war, ist dies schwieriger. Boito bedeutet eine gänzlich andere Klangfülle, ein eigenes musikalisches Universum. Ich möchte die Figur des Nero tief verinnerlichen, ihren Farbreichtum und ihre Palette an menschlichen Gefühlen, vom Triumph bis zu einer Art Liebe zur Spiritualität. Dieser Prozess erfordert Zeit. Die Corona-Pause hat bewirkt, dass ich die Partie reifen lassen konnte. Wie entstand ursprünglich Ihr Wunsch, Opernsänger zu werden? Was mich zur Oper führte, war meine Stimme. In Mexiko war es damals noch viel üblicher als heute, einem Mädchen ein Ständchen mit Gitarre zu bringen. Meine Stimme kam wohl gut an, denn ich wurde sogar von Freunden für solche Serenaden gebucht. Als Gage gab es Bier. An der Universität meiner Heimatstadt schrieb ich mich jedoch für Biologie ein. Als ich Kommilitonen Statistik-Nachhilfe gab, lud mich einer zu sich nach Hause ein, um mir das Genre der Oper näherzubringen. Er hatte die Aufnahmen aller großen Tenöre daheim, wir hörten Beniamino Gigli und Franco Corelli aus riesigen Boxen, natürlich in maximaler Lautstärke. Das Feuer war entfacht und ich studierte Musik, parallel zur Naturwissenschaft. Langsam eroberte die »Arrigo Boito bedeutete für mich ein unbekanntes musikalisches Universum.« Musik mein ganzes Herz und als ich ausgewählt wurde, in der Abschluss-Produktion der Hochschule im Opernhaus Guadalajara den Herzog in Rigoletto zu singen, hatte es mich so gepackt, dass ich mein Biologie-Studium sechs Monate vor dem Diplom abbrach. Ich wollte Opernsänger werden. Bis die Karriere lief, sollte es allerdings noch neun Jahre dauern. Ich bildete mich in Mexico City, Glasgow und am Royal Northern College of Music Manchester weiter und gewann den Plácido-Domingo- Operalia-Wettbewerb. Das war der Start Ihrer internationalen Tenor-Karriere. Seit damals sangen Sie in Washington D. C. , Boston, Houston, Seattle und an der New York City Opera. Sie traten in Großbritannien, Spanien sowie in den Opernhäusern von Berlin, Dresden, Kassel, Hannover und Stuttgart auf, unter den Dirigenten 28

Mariss Jansons, Kent Nagano, Marcello Viotti. Wie kommt es, dass Sie aktuell in Mexiko leben? Ich habe Freunde in Amerika, in Europa, in Neuseeland und Australien. Aber ein Teil meines Herzens war und ist in Guadalajara, wo meine gesamte Familie und mein Enkelkind leben. Die vergangenen 25 Jahre verbrachte ich in Hotels und Apartments in Spanien, Deutschland, England. Und was für Sie in Europa ungewöhnlich klingen mag: Obwohl in Guadalajara rund sechs Millionen Menschen leben, ist es schwierig, hier einen guten Repetitor zu finden. Ab und zu, wenn ich mit einem guten Pianisten Einzelheiten in der Partitur klären möchte, muss ich also rund fünf Stunden nach Mexico City fahren. Aber das nehme ich in Kauf. Ich bin dankbar, dass ich die Chance habe, so ein Leben führen zu dürfen. Meine Stimme ist in guter Form, das ist ein Segen und ein Glück dazu. Deshalb verlasse ich meine Basis weiterhin, um zu reisen – zum Beispiel nach Bregenz. Arrigo Boito, der nicht nur Komponist dieses seines Lebenswerkes war, sondern auch der Librettist, verwendet im Text das Wortspiel »incubo nero«, schwarzer Albtraum. Wie ist es für Sie, »das Böse« auf der Bühne darzustellen? Ich glaube, »das Böse« ist ein allgemeiner menschlicher Charakterzug. Was Nero von dem ihn umgebenden Volk unterscheidet, ist die Tatsache, dass er unfassbar viel Macht hat. Und totale Macht kann, wenn es falsch läuft, zu totalem Wahn führen. Aber das ist nicht neu, das passiert in der Geschichte immer und immer wieder. Das Böse scheint ein Erbe der Menschheit zu sein. »Die Partie ist großartig, das historische Thema unfassbar spannend erzählt.« NERO Sie lebten lange Zeit in Europa, kennen Sie sich mit der römischen Antike aus? RAFAEL ROJAS Was die Oper Nero betrifft, fand ich die zahlreichen Bezüge zur Vergangenheit anfangs kompliziert. Doch als es mir schließlich gelang, mich in das damalige Rom zu versetzen, wurde plötzlich alles verständlich. Außerdem las ich viele Romane über diese Zeit, sie strotzen vor Politik, Religion und Manipulation, vor der Gewalt herrschender Mächte. Die Musik steckt ebenso voller Kraft. Am Anfang, wenn Nero die Mutter begraben möchte, ist die Musik völlig anders als im Tempel des zweiten Aktes. Die Atmosphäre wechselt zum Garten im dritten Akt, der wiederum eine andere musikalische Welt darstellt als das Kolosseum im vierten Akt. studierte erst Biologie, entschied sich dann aber doch ganz für die Musik. Der mexikanische Tenor gastierte an zahlreichen Opernhäusern rund um den Globus; auch auf der Bregenzer Seebühne war er bereits dreimal zu erleben, zuletzt als Prinz Calaf in Turandot. 29

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