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Festspielzeit Winter 2021

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Das Magazin der Bregenzer Festspiele

SPIEL AUF DEM SEE AUS

SPIEL AUF DEM SEE AUS CIO-CIO-SAN WIRD MADAME BUTTERFLY Was aus diesem kolonialistischen Blick auf Japan ausgeblendet wird, ist die Industrie. Ist die Ausbeutung der Darstellerinnen, die tatsächlich oft Prostituierte waren. Ist das Gemachte dieser Konfektionsware. Die mehr oder weniger ahnungslosen Westler nahmen die Motive für bare Münze. Auch in unserer Oper gibt es solch einen modernen japanischen Großunternehmer, der das Erlebnis »Alt-Japan« für seine westliche Kundschaft herstellt: Goro. Er vermittelt dem Amerikaner nicht nur ein unverbindliches sexuelles Abenteuer, sondern auch das japanische Häuschen nebst Garten und Personal dazu. Die Geschichte von Cio-Cio-San und ihrer Familie ist die Geschichte des eben beschriebenen japanischen Modernisierungsprozesses, der als Meiji-Restauration in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Meiji war der Name des Kaisers, den die Modernisierer nominell wieder zum Oberhaupt des Staates erklärten, um die zuvor regierende Tokugawa-Dynastie legal entmachten und ihre riesigen Ländereien verstaatlichen zu können. Von Cio-Cio-San erzählt die Oper folgendes: Sie ist die Tochter eines Samurai, also eines jener Elitekrieger, auf denen die Macht der Tokugawa beruhte und die 1871 als privilegierte Oberschicht abgeschafft wurde. Das spiegelt sich bei Puccini darin, dass der Kaiser Cio-Cio-Sans Vater ein Schwert schickt und ihn auffordert, Seppuku zu begehen. Seppuku war die traditionelle Methode, mit der ein Samurai seine in Zweifel gezogene Ehre wieder herstellen konnte: Er schlitzte sich den Bauch auf und wies seinem Feudalherrn seine Eingeweide vor, in denen sich laut buddhistischer Lehre gute und böse Absichten offen zeigen. Der Tod des Ernährers stürzte Cio-Cio-Sans ganze Familie in Armut. Auch hierin symbolisiert sich ein Faktum realer Sozialgeschichte: das Aufgehen einer in der modernen Welt unbrauchbar gewordenen Klasse im Proletariat. Cio-Cio-Sans Mutter tat, was in verarmten Samurai-Familien nicht ungewöhnlich gewesen sein soll: Sie übergab ihre kleine Tochter gegen eine geringe Summe Goro, der nicht nur für Essen und ein Dach über dem Kopf sorgte, sondern sie auch im Lesen, Schreiben, Singen, Tanzen, Sich-Schminken, -Kleiden, -Frisieren, in Teezeremonie, kultivierter Konversation und Umgangsformen ausbilden ließ. Das waren komplizierte Fertigkeiten professioneller Unterhaltungskünstlerinnen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten, sondern Japan nicht nur für Westler, sondern auch für Japaner in ein Kunst-Japan verwandelten. DIE UTOPIE AMERIKA Zu Beginn der Oper ist Cio-Cio- San knapp 15 Jahre alt und für Goro der Zeitpunkt gekommen, an dem sich seine Investition rentieren muss. Er übersetzt Cio-Cio-Sans Namen ins Französisch-Amerikanische und signalisiert damit, dass er sie für den ausländischen Markt bestimmt hat. »San« ist im Japanischen die höfliche Anrede »Frau«, »Cio-Cio« der Schmetterling: also »Madame Butterfly«. Er vermittelt sie an Pinkerton, wie er ihm das Haus vermittelt hat. Und Pinkerton heiratet sie – wie er es nennt – »japanisch«: für 999 Jahre, monatliches Kündigungsrecht inklusive. Cio-Cio-San weiß davon nichts, für sie ist die Hochzeit eine ernste und wahrhaftige Angelegenheit. Sie will ihrem Leben entfliehen und Amerikanerin werden, wofür sie sogar heimlich vom Buddhismus zum Christentum konvertiert und als dies bekannt wird, dafür von ihrer Familie verstoßen wird. Es gibt nichts mehr, was sie in ihrer Heimat hält. Dieses Motiv mindert ihre Liebe zu Pinkerton nicht, erklärt aber, warum sie sich bis zum Schluss der Oper gegen alle Widerreden und Einsicht an ihre Hoffnung klammert, Pinkerton werde zurückkommen. Ihr Leben als Geisha war so traumatisch, dass sie lieber sterben als in ihr altes Leben zurückkehren will. Erst als sie Pinkertons US-amerikanische Frau Kate sieht und kein Zweifel mehr möglich ist, dass er sie loswerden will, ringt sie sich zu dem Entschluss durch, dieser Frau ihren Sohn zu übergeben, damit er es einmal besser haben soll. Ihm soll gelingen, woran sie scheiterte: Amerikaner zu werden. SPIEL AUF DEM SEE MADAME BUTTERFLY Giacomo Puccini Oper in drei Akten (1904) | Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa | In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln Musikalische Leitung Enrique Mazzola, Yi-Chen Lin Insze nie rung Andreas Homoki Bühne Michael Levine Kostüme Antony McDonald Premiere 20. Juli 2022 – 21.15 Uhr Vorstellungen 22., 23., 24., 26., 27., 28., 29., 30. und 31. Juli – 21.15 Uhr 2., 3., 4., 5., 6., 7., 9., 11., 12., 13., 14., 16., 17., 19., 20. und 21. August – 21.00 Uhr 10

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