Aufrufe
vor 2 Jahren

Programmheft Beatrice Cenci 2018

  • Text
  • Festspielhaus
  • Goldschmidt
  • Cenci
  • Festspiele
  • Festspiele
  • Oper
  • Goldschmidt
Beatrice Cenci von Berthold Goldschmidt Oper in drei Akten (1949/50) Libretto von Martin Esslin nach The Cenci von Percy Bysshe Shelley (1819) Deutsche Version von Berthold Goldschmidt Mit deutschen Übertiteln Premiere: 18. Juli 2018 - 19.30 Uhr Dauer: 2 1/2 Stunden (inkl. Pause)

Haben

Haben Beatrice und Lucrezia diesen Mord nur aus der persönlichen Misslage, nicht mehr weiterleben zu können, heraus geplant, oder sehen sie in ihrer Tat auch einen größeren, quasi gesellschaftlichen Auftrag? Beatrices und Lucrezias Leidensdruck muss unermesslich hoch sein. Mir scheint, dass es ihnen unbewusst nur darum geht, wenigstens einen Funken Würde zurückzuerlangen, bevor sie physisch sterben. Als Zuschauer haben wir Empathie mit ihnen und ertappen uns womöglich bei dem Gedanken, dass Cenci »zu Recht« sterben musste, Beatrice und Lucrezia vielleicht sogar zu »Unrecht«. Das Erschreckende an dieser Geschichte ist, dass wir erst heute versuchen, (Macht-)Missbrauch zu enttabuisieren … JOHANNES ERATH Letztlich stellt sich also die Frage: Gibt es einen gerechten Mord? Nein, einen »gerechten« Mord gibt es nicht. Es gibt aber auch keine »gerechte« Hinrichtung oder Todesstrafe! War es vielleicht kein Zufall – obwohl Goldschmidt die Gelegenheit eines Opernwettbewerbs ergriffen hatte –, dass er den Stoff genau in den vierziger Jahren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg komponiert hat? Er trug ihn ja schon lang mit sich herum, kennengelernt hatte er ihn 1923 durch Stendhals Novelle, sich dann aber auf Shelleys Drama von 1819 bezogen. Was zeichnet Goldschmidts Oper und seine Version dieser wahren Begebenheit aus? Am spannendsten ist die Form von Ohnmacht, die in Musik gefasst ist. Es stehen unglaublich berührende musikalische Momente sehr machtvollen, geradezu monumentalen Passagen unmittelbar gegenüber, so dass man das Gefühl bekommt, da werden zwei zerbrechliche Wesen zermahlen. Mir erscheint das ganze Werk wie eine Art Requiem. Genau. Womit die Oper ja auch endet. 11

Das ausschweifende Leben eines Grafen, Vergewaltigung der eigenen Tochter, dubiose Machenschaften mit der Kirche, ein Mord durch Tochter und zweite Ehefrau: »Sex and Crime sells«, auch in der Oper. Wie lässt sich diese grausame und unmoralische Welt auf die Bühne bringen? Unsere Köpfe sind durch die Medien übervoll von platten »Sex and Crime«-Bildern. Es geht mir im Theater nicht darum, Themen realitätsgetreu abzubilden, sondern mir liegt vielmehr am Herzen, durch unerwartete Bilder, die emotional erfassbar sind, Phantasien und Assoziationsketten beim Publikum auszulösen. Apropos »Realität«: Es gibt keine absolute Realität. »Realität« ist vielleicht das, was wir gerade noch ertragen wahrzunehmen. Sie ist somit sowieso subjektiv. Kaum ein Ort der Welt ist religiös so aufgeladen wie Rom, das noch heute Zentrum der katholischen Kirche ist. Welche Rolle spielt der Ort der Handlung für die Inszenierung? Der Ort spielt natürlich eine große Rolle, weil er das Herz nicht der Religion, aber der Kirche, der Institution ist. In Rom kann man am leichtesten erkennen, wie gewisse theatrale Mechanismen funktionieren, eben weil es die Keimzelle unserer katholischen Kirche ist und wir im Theater ganz Ähnliches machen. Das ist sicher eine kühne These: Es treffen sich Menschen an einem Ort, um in diesem Moment zu glauben, dass das Erlebte wahr oder wahrhaftig ist und uns erheben kann. Nur: Im Theater wissen wir, dass es sich um eine Illusion handelt. Dennoch wollen wir dahin gehen, weil uns dieser Glaube innewohnt, gerade in der kollektiven Form einer anonymen Masse. Es sind diese Momente, in denen man sich auf einen Inhalt konzentriert, aus dem Räderwerk des Alltags heraussteigt und dadurch ruhiger wird und der Zeit entflieht. Dabei kommt man auch sich selbst näher, wodurch eine Form von Trost entsteht. Das ist unter Umständen das Wichtigste, was den Glauben ausmacht, und das Schönste an ihm: dass er zu trösten vermag. Teilweise natürlich wider besseres Wissen, aber das ist nicht schlimm. In dem Moment, wo wir an nichts mehr glauben, erscheint mir die Welt verloren! 12

Unsere Dokumente für Sie:

© 2021 Bregenzer Festspiele