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Programmheft Carmen 2017

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Carmen von Georges Bizet Premiere: 19. Juli 2017 - 21.15 Uhr Oper in vier Akten (1875) Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle von Prosper Mérimée In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Leidenschaft?

Leidenschaft? Verhängnis? Liebe? Eine unlösbare Kraft verbindet Carmen und Don José von ihrer ersten Begegnung an. Kaum hat Carmen in ihrer Habanera die Freiheit als ihr oberstes Gesetz besungen, wirft sie José eine Blüte von ihrer Kleidung zu, die er selbst dann aufbewahrt, als er ihretwegen ins Gefängnis muss. Die Musik verrät an dieser Stelle unmissverständlich, dass die wortlose Begegnung zwischen Carmen und José folgenreich sein wird: Die drängenden Worte der Männer verstummen, das Orchester verändert schlagartig die Atmosphäre. Die dunklen Klangfarben der Klarinetten, gedämpften Bratschen und Celli spielen eine leidenschaftliche, aber düstere Melodie, die nach unten verläuft und von zwei unheimlich gezupften Tönen der Kontrabässe abgeschlossen wird. Mit diesem musikalischen Motiv kettet Georges Bizet seine beiden Hauptdarsteller aneinander. Kaum hat Carmen zu Beginn des dritten Akts in den Karten gelesen, dass sie sterben wird, lassen die Flöten die Melodie kurz aufflackern. Nachdem es Micaëla am Ende dieses Akts gelungen ist, José zu überreden, sie zu seiner sterbenden Mutter zu begleiten, verabschiedet er sich von Carmen mit den mahnenden Worten »wir werden uns wiedersehen«. Die Musik verheißt diesem Wiedersehen nichts Gutes: Düster wiederholt das Orchester die absteigende Melodie, die Kontrabässe werden nun mit dunklen Paukenschlägen verstärkt. Am Ende der Oper wird klar, dass diese Musik von Anfang an mit Josés Ermordung seiner geliebten Carmen verbunden ist. Zu seinen letzten Worten lässt nun das gesamte Orchester das Motiv sehr laut erklingen: »Ihr könnt mich verhaften … Ich bin es, der sie getötet hat. Meine angebetete CarmenCarmen ist auf ihren eigenen Tod vorbereitet. Als José in der Stierkampfarena ein letztes Mal versucht, sie zu einem gemeinsamen Leben zu überreden, pocht sie erneut auf ihre Selbstbestimmung: »Niemals wird Carmen nachgeben! Frei ist sie geboren und frei wird sie sterben!« In Prosper Mérimées Novelle, die der Oper zugrunde liegt, gesteht CARMEN sie José sogar das Recht zu, sie zu töten, denn sie hat ihn zugunsten eines anderen verlassen: »Als mein rom hast du das Recht, deine romi zu töten; aber Carmen wird immer frei sein.« Gibt es also doch ein Gesetz, das Carmen befolgt? Das Gesetz ihrer Herkunft? Das Recht, das sie ihrem »rom« zubilligt, leitet sich von ihrer Herkunft als Zigeunerin ab, die Carmen als mythische Figur kennzeichnet. Weder in der Novelle noch im Libretto der Oper ist das Wort »Zigeuner« zu lesen, vielmehr tauchen dort die Bezeichnungen »bohémien«, »rom(a)« und »zingara« auf. Dennoch beruhen beide Texte auf dem Klischeebild der Zigeuner im 19. Jahrhundert: freiheitsliebend, lebenslustig und musikalisch. Die Gesetze der Zigeuner begrenzen deren Freiheit, wie der Kulturwissenschaftler Thomas Macho für Carmen formuliert: »Als Zigeunerin behauptet sie mit einer Strenge, die geradezu an die griechische Tragödie erinnert, das Fatum und das Gesetz ihrer Herkunft. Gegen […] exotische Folklore und romantische Klischees provoziert sie die Unausweichlichkeit und Ausweglosigkeit einer Beziehung zwischen zwei Charakteren, die einander weder vermeiden noch überwinden können.« Es sind die Karten, die Carmen diese Ausweglosigkeit vorhersagen. Nachdem Frasquita und Mercédès ihre Zukunft aus den Karten gelesen haben, schlägt auch Carmen die Karten auf: »Karo! Pik! … Der Tod! Ich habe recht gelesen! … Ich zuerst. Dann er … für alle beide der Tod!« Die Librettisten der Oper, Henri Meilhac und Ludovic Halévy, haben Carmens vielfältige Arten der Wahrsagerei in der Novelle auf die Karten beschränkt. Tarot-Karten waren zur Zeit der Uraufführung der Oper sehr beliebt, bei Mérimée weissagt Carmen darüber hinaus mit Magnetstein, Kaffeesatz und Bleikügelchen. Derartige Praktiken wurden von der christlichen Religion abgelehnt und mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Es verwundert daher nicht, dass José nach der ersten Begegnung mit Carmen fürchtet, Opfer eines Dämons zu werden. Den Kuss seiner Mutter, den Micaëla ihm schickt, sieht er als Zeichen aus der Ferne, womit sie Unheil von ihrem Kind abwendet. 45

SPANIEN UND FRANKREICH KONVENTIONEN UND FREIHEITEN Wie Micaëla stammt José aus dem christlichen Baskenland des spanischen Nordens und steht damit im Gegensatz zur keiner Religion angehörenden Carmen aus dem Süden: »Sie ist keine Maurin, Jüdin oder Christin, sondern Zigeunerin.« (Thomas Macho) Beide Hauptfiguren sind also keine genuinen Spanier und treffen als Außenseiter in Andalusien aufeinander. Den Handlungsort Spanien lernte Mérimée aus erster Hand kennen, er unternahm mehrere Reisen dorthin. Nachdem Napoleon Spanien Anfang des Jahrhunderts erobert hatte, reisten zahlreiche französische Künstler dorthin und ließen sich von der Landschaft und Kultur inspirieren. In Reiseberichten werden die Unterschiede zwischen dem Norden und Süden thematisiert, die sich in den Figuren José und Carmen widerspiegeln. Henri Cornille schrieb 1836: »Zwei große Einteilungen von Natur aus [...] Hier das Spanien des Südens [...] mit seinen Frauen mit schwarzem Haar, mit schwarzen brennenden Augen, dem elastischen, weichen Gang. Dort das Spanien der Pyrenäen mit seinen mit Eichen, Pinien und Kastanien bedeckten Bergen [...] mit seinen Frauen mit dunkelblondem Haar und weißer und rosenfarbener Haut.« Georges Bizet war nie in Spanien und kannte dennoch die Musik des Landes sehr gut. Denn auch in die umgekehrte Richtung reisten Künstler, Musiker und Tänzer. Spanische Tänze wie Fandango und Bolero waren allgegenwärtig in Paris. Bizet integrierte in seine Partitur die spanischen Klänge, die er in Salons und auf Veranstaltungen kennengelernt hatte. Besonders die Rhythmen, die in Carmens Seguidilla oder Escamillos Torero-Lied verarbeitet werden, verleihen der Oper eine spanische Anmutung. Carmens Lied im zweiten Akt wird von Kastagnetten begleitet. Ausgerechnet die berühmteste Nummer der Oper, Carmens Habanera, geht allerdings auf einen kubanischen Tanz zurück. Natürlich lassen sich diese Elemente als Klischees bezeichnen, »doch wer maßt sich an zu sagen, dass eine von Spaniern komponierte und aufgeführte Musik nicht spanisch sei?« fragt der Musikwissenschaftler Wolfgang Fuhrmann. VON DER OPER ZUM MYTHOS Auf anderer musikalischer Ebene verbindet der Komponist José und Micaëla, die für dessen Mutter die ideale Schwiegertochter wäre, miteinander. In der Oper des 19. Jahrhunderts ist es Konvention, dass der Tenor den Sopran liebt. Meistens stirbt am Ende der Sopran, manchmal auch der Tenor. Der Mezzosopran ist oft die erfolglos Liebende, der Bariton der glücklose Rivale oder Bösewicht. Die Rolle des Rivalen erfüllt der Bariton Escamillo, der bei Mérimée Lucas heißt. Da Micaëla, die in der Novelle nicht vorkommt, für einen Sopran komponiert wurde, erscheint die Verbindung mit dem Tenor José als die richtige. Doch José erliegt den Verführungen des Mezzosoprans, entgegen jeder Opernkonvention. »Die Mésalliance zwischen Tenor und Mezzosopran zeigt schon rein musikalisch, dass auf der Beziehung José – Carmen kein Segen ruht.« WOLFGANG FUHRMANN Diese Konvention war nicht die einzige, die der Komponist bewusst missachtete. Als Bizet 1872 von den Direktoren der Pariser Opéra Comique den Auftrag für eine Oper erhielt, entschied er sich bewusst für die Vertonung von Mérimées Carmen. Die beiden Librettisten hatten bereits mit zahlreichen Libretti für Jacques Offenbach für große Erfolge an anderen Theatern in Paris gesorgt. Die Gattung der opéra comique, mit der auch Carmen bezeichnet wurde, war für Bizet in die 46

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