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Programmheft Carmen 2018

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Carmen von Georges Bizet Premiere: 19. Juli 2018 - 21.15 Uhr Oper in vier Akten (1875) Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle von Prosper Mérimée In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

VON DER OPER ZUM MYTHOS

VON DER OPER ZUM MYTHOS FREIHEIT ODER SCHICKSAL? SPIEL AUF DEM SEE 44

Leidenschaft? Verhängnis? Liebe? Eine unlösbare Kraft verbindet Carmen und Don José von ihrer ersten Begegnung an. Kaum hat Carmen in ihrer Habanera die Freiheit als ihr oberstes Gesetz besungen, wirft sie José eine Blüte von ihrer Kleidung zu, die er selbst dann aufbewahrt, als er ihretwegen ins Gefängnis muss. Die Musik verrät an dieser Stelle unmissverständlich, dass die wortlose Begegnung zwischen Carmen und José folgenreich sein wird: Die drängenden Worte der Männer verstummen, das Orchester verändert schlagartig die Atmosphäre. Die dunklen Klangfarben der Klarinetten, gedämpften Bratschen und Celli spielen eine leidenschaftliche, aber düstere Melodie, die nach unten verläuft und von zwei unheimlich gezupften Tönen der Kontrabässe abgeschlossen wird. Mit diesem musikalischen Motiv kettet Georges Bizet seine beiden Hauptdarsteller aneinander. Bevor José in seiner berühmten Arie Carmen davon erzählt, dass er ihre Blume auch im Gefängnis aufbewahrt hat, erklingt die Melodie im warmen Ton des Englischhorns. Kaum hat Carmen zu Beginn des dritten Akts in den Karten gelesen, dass sie sterben wird, lassen die Flöten die Melodie kurz aufflackern. Nachdem es Micaëla am Ende dieses Akts gelungen ist, José zu überreden, sie zu seiner sterbenden Mutter zu begleiten, verabschiedet er sich von Carmen mit den mahnenden Worten »wir werden uns wiedersehen«. Die Musik verheißt diesem Wiedersehen nichts Gutes: Düster wiederholt das Orchester die absteigende Melodie, die Kontrabässe werden nun mit dunklen Paukenschlägen verstärkt. Am Ende der Oper wird klar, dass diese Musik von Anfang an mit Josés Ermordung seiner geliebten Carmen verbunden ist. Zu seinen letzten Worten lässt nun das gesamte Orchester das Motiv sehr laut erklingen: »Ihr könnt mich verhaften … Ich bin es, der sie getötet hat. Meine angebetete CarmenCarmen ist auf ihren eigenen Tod vorbereitet. Als José in der Stierkampfarena ein letztes Mal versucht, sie zu einem gemeinsamen Leben zu überreden, pocht sie erneut auf ihre Selbstbestimmung: »Niemals wird Carmen nachgeben! Frei ist sie geboren und frei wird sie sterben!« In Prosper CARMEN Mérimées Novelle, die der Oper zugrunde liegt, gesteht sie José sogar das Recht zu, sie zu töten, denn sie hat ihn zugunsten eines anderen verlassen: »Als mein rom hast du das Recht, deine romi zu töten; aber Carmen wird immer frei sein.« Gibt es also doch ein Gesetz, das Carmen befolgt? Das Gesetz ihrer Herkunft? Das Recht, das sie ihrem »rom« zubilligt, leitet sich von ihrer Herkunft als Zigeunerin ab, die Carmen als mythische Figur kennzeichnet. Weder in der Novelle noch im Libretto der Oper ist das Wort »Zigeuner« zu lesen, vielmehr tauchen dort die Bezeichnungen »bohémien«, »rom(a)« und »zingara« auf. Dennoch beruhen beide Texte auf dem Klischeebild der Zigeuner im 19. Jahrhundert: freiheitsliebend, lebenslustig und musikalisch. Die Gesetze der Zigeuner begrenzen deren Freiheit, wie der Kulturwissenschaftler Thomas Macho für Carmen formuliert: »Als Zigeunerin behauptet sie mit einer Strenge, die geradezu an die griechische Tragödie erinnert, das Fatum und das Gesetz ihrer Herkunft. Gegen […] exotische Folklore und romantische Klischees provoziert sie die Unausweichlichkeit und Ausweglosigkeit einer Beziehung zwischen zwei Charakteren, die einander weder vermeiden noch überwinden können.« Es sind die Karten, die Carmen diese Ausweglosigkeit vorhersagen. Nachdem Frasquita und Mercédès ihre Zukunft aus den Karten gelesen haben, schlägt auch Carmen die Karten auf: »Karo! Pik! … Der Tod! Ich habe recht gelesen! … Ich zuerst. Dann er … für alle beide der Tod!« Die Librettisten der Oper, Henri Meilhac und Ludovic Halévy, haben Carmens vielfältige Arten der Wahrsagerei in der Novelle auf die Karten beschränkt. Tarot-Karten waren zur Zeit der Uraufführung der Oper sehr beliebt, bei Mérimée weissagt Carmen darüber hinaus mit Magnetstein, Kaffeesatz und Bleikügelchen. Derartige Praktiken wurden von der christlichen Religion abgelehnt und mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Es verwundert daher nicht, dass José nach der ersten Begegnung mit Carmen fürchtet, Opfer eines Dämons zu werden. Den Kuss seiner Mutter, den Micaëla ihm schickt, sieht er als Zeichen aus der Ferne, womit sie Unheil von ihrem Kind abwendet. 45

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