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Programmheft Die Hochzeit des Figaro 2017

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DIE HOCHZEIT DES FIGARO

DIE HOCHZEIT DES FIGARO eines verbotenen Verlangens erhöht, enthüllt es auch jenen erotischen Reiz, den der Graf nicht mehr sehen. kann. Der Page, den der Graf zwar überall antrifft und den er dennoch nicht greifen kann, entpuppt sich als Triebfeder der Verwicklungen, die den Hochzeitstag immer dunkler werden und die Männer verwirrt in den nächtlichen Garten treiben lassen. Er agiert zudem ausschließlich auf der Seite der Frauen. Nachdem sie den geheimen Plan, Cherubino in den Garten zu schicken, enthüllen mussten, ersinnen sie eine neue Verschwörung, die sie nun auch vor Figaro geheimhalten. Ist Cherubino immer schon dort, wo der Graf sein möchte, sind Susanna und die Gräfin ihrerseits den verblendeten Männern immer einen Schritt voraus. So bietet die Nacht nicht nur eine Bühne für die dunklen Verdächti gungen und Täuschungen, die am Tag ausgeheckt wurden, sondern auch für eine Offenbarung, die von den Frauen gelenkt wird und in ihrem Sinne aufgeht. Indem Susanna und die Gräfin sich dort gegenseitig vertreten, brechen sie die soziale Hierarchie auf. Susanna darf für einen kurzen Zeitraum Gräfin sein, die Gräfin hingegen das Objekt der Begierde verschiedener Männer. Der Page darf der als Dienerin verkleideten Gräfin jenes erotische Begehren antragen, das er sich bezüglich seiner Herrin verbieten muss. Denn sie wissen den Umstand zu ihren Gunsten auszunutzen, dass die Nacht ein spielerisches Aushandeln der sozialen Stelle erlaubt, die man tagsüber einnimmt. In seiner Rache-Arie besingt Figaro, der die finstere Erscheinung eines Verschwörers angenommen hat und mit seiner Nachtlaterne ausgerüstet den Betrug seiner Braut ans Licht bringen will, eine der nächtlichen Seiten weiblicher Macht. Er ruft alle unvorsichtigen und dummen Männer auf, ihre Augen zu öffnen und in dieser Hochzeitsnacht das wahre Wesen seiner Susanna zu erkennen. Susanna, wissend dass Figaro sie hören, aber nicht sehen kann, gibt sich als gefällige Braut. In die Kleider ihrer Zofe gehüllt, begeht hingegen die Gräfin Ehebruch mit ihrem eigenen Gatten; lässt sich von ihm, der sie für die verbotene Braut hält, ins Dunkel des Gebüsches ziehen und befriedigt gleichzeitig Figaros Zweifel an Susannas Treue. Unter dem sternenlosen Himmel öffnen sie ihren Männern die Augen, doch nicht um jene dunklen Vorurteile zu bestätigen, die den Verstand blenden und alle Sinne betrügen. Sie zeigen ihnen stattdessen, dass sie gerade dann gar nichts sehen, wenn sie meinen, das Täu schungsspiel der Frauen durchschaut zu haben, indem sie deren Verführung Hexerei oder Koketterie nennen. 12

Auf dem Höhepunkt seiner Verzweiflung ruft der Graf seine Männer herbei, um das vermeintliche Komplott der Gräfin zu entlarven und sie öffentlich zu demütigen. Doch aus dem Dunkel des Geheges zehrt er nur die Truppe an Verbündeten, die sich versammelt hat, um im Verborgenen dem Wettstreit der Herrscher beizuwohnen. Alle knien vor dem Grafen nieder und bitten um Verzeihung, während er mit seinem emphatischen »Nein« in dieser Nacht sein wahres Gesicht zeigt: Nicht das im Licht des Tages vorgeführte des benevolenten Fürsten, sondern das eines unerbittlichen, rachsüchtigen Herrschers. Zur Verzeihung kann ihn nur die Grä fin bewegen, und zwar, indem sie ihrerseits ihr wahres Gesicht hinter der Maske enthüllt. Erst vor den Augen des versammelten Hofes legt sie ihre Verkleidung ab und den von der Dunkelheit der Nacht geschützten, herrschsüchtigen Kern seiner fürstlichen Macht offen. Indem nun er gezwungen ist, auf die Verzeihung zu hoffen, die er seinen Untertanen untersagen wollte, erkennt er die Gräfin zum ersten Mal als gleichbe rechtigte Partnerin an. Er spricht ihr das Recht zu, über ihn zu verfügen,und zeigt sich bereit, ihr Verzeihen anzunehmen. Vor den Augen seiner erstaunten Untertanen bestätigt er ihren Ehevertrag und macht diese Nacht zu seiner zweiten Hochzeitsnacht. Wie im Sommernachtstraum wird mit der Versöhnung nicht eine Nacht der Verwirrungen zu Ende geführt, sondern ein »Tag voller Launen und Torheiten«. Aus ihren gegenseitig geschürten Verblendungen aufgewacht, gehen die Betroffenen nicht ins Licht der Morgenröte. Sie eilen zum Fest, zum Tanz, zum Gelage. Das magische Feuerwerk, das dort auf sie wartet, steht auch für den Sieg über blinde Vorurteile und entspricht dem Umstand, dass sich die Nacht von Figaros Hochzeit am Ende doch als durchlichtete Heterotopie herstellen kann. Doch wie die magische Festbeleuchtung, die aus der Nacht einen Tag macht, ist auch die Erleuchtung am Ende der Verwicklungen künstlich herbeigeführt; durch die Tücke einer kollektiven Verzauberung. Zwar wurden im nächtlichen Garten hierarchische Machtstrukturen aufgebrochen, Licht in dunkle Vorurteile gebracht und die Meisterschaft weiblicher Täuschungen gefeiert. Doch das enthüllende Auflockern fester sozialer Stellen, in dem Fürsten geohrfeigt werden und Pagen ihre Herrin küssen dürfen, hinterlässt auch im Figaro seine Spuren der Verletzung. Der Umstand, dass der Vorhang fällt, bevor der Morgen anbricht, lässt offen, wie diese Nachtgänger aus dem Traum der Versöhnung aufwachen werden: Ob sie das gegenseitige Vertrauen, das dort gewonnen wurde, in den Tag hinübertragen können oder dieses wieder in Vergessenheit geraten lassen. Elisabeth Bronfen NÄCHTLICHE LIEBESSPIELE 13

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