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Programmheft Die Hochzeit des Figaro 2017

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JÖRG LICHTENSTEIN

JÖRG LICHTENSTEIN KOMÖDIE IST TRAGÖDIE + INTELLIGENZ. ODER + ZEIT? Worin besteht die Tragödie? Vielleicht darin, dass sich die Figuren nicht so verhalten, wie wir es uns wünschten? Figaro erfährt, dass ihn sein befreundeter Chef benutzt und sich hemmungslos um seine Braut bemüht. Was tut er? Seine sympathisch hitverdächtige Cavatina Se vuol ballare berechtigt zu schönsten revolutionären Hoffnungen. Dann aber demütigt er Cherubino, ein schwaches Glied in der adeligen Kette, um im zweiten Akt was zu tun? Den Palast anzuzünden, Schmähschriften gegen den Grafen zu verbreiten, mit Susanna nach Mexiko zu fliehen? Wir sind gespannt: Figaro schlägt vor, die Gräfin möge ein Brieflein an einen fiktiven Liebhaber schreiben, Susanna den Grafen zum Rendezvous bitten und Cherubino an ihrer statt in Frauenkleider dortselbst erscheinen. Was für eine Revolution! Rosina erfährt, wie ausdauernd der Graf sie betrügt beziehungsweise zu betrügen versucht. Er aber beschimpft sie präventiv wegen des vermeintlichen Liebhabers im Schrank. Als sie ihm den Pagen beichtet, was sich als überflüssiges und letztlich falsches Geständnis herausstellt, und ihr Mann sie vor Gärtnern und Dienstmägden demütigt, gerät sie in unerträglich würdelose Lebenslage. Wir sind gespannt auf den dritten Akt - Gattenmord, Rachearie 18

oder wenigstens nächtliche Flucht? Rosina aber entschließt sich in der Pause dazu, selbst zur Intrigantin zu werden: Susanna soll den Grafen ermutigen, aber ihre nächtliche Rolle im Pinienhain in letzter Sekunde Rosina überlassen. Was für eine Frauenrechtlerin! JÖRG LICHTENSTEIN Lediglich Susanna hat eine unauflösbare Lebensbeziehung: mit der Wahrheit. Sie greift zu einem hochtauglichen Widerstandsmittel in despotischen Gesellschaftszusammenhängen: Dekonspiration. Sie erzählt Figaro von den Avancen Almavivas und setzt auch Rosina in Kenntnis, im vollen Risiko, Freundin oder Stelle zu verlieren. Keine der intriganten Initiativen geht von ihr aus, mag sie auch immer wieder als verlässlich verschwiegene Bundesgenossin gewählt werden. Sie wird zum unkorrumpierbaren, hellwachen Zentrum der Liebesund Machtspiele, zum Auge in der Windhose. Sie ist die Figur, an die man sich halten möchte, wenn alle anderen schwächer, listiger, feiger, cholerischer oder kurzsichtiger auftreten, als es uns gefallen kann. Welche Verhaltensweise ist uns näher, was ist »menschlicher«? Liegt gerade darin das Tragische wie auch das Revolutionäre des Tollen Tag ( Beaumarchais’) wie der Hochzeit des Figaro (Mozart)? »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« hieß es in einem deutschen Landesteil lange Zeit und wohl zu Recht. Wofür haben die zwei Genies Beaumarchais und Mozart ihr Talent eingesetzt und zur höchsten Blüte getrieben? Für Teenager-Kanzonetten, Seidenbänder, Liebes-Billetts, Brauthüte und Rumpumpel im Kabinett? Sie haben es geschafft, dass wir uns in Figuren verlieben, die stark sein wollen, meist vergeblich, die um ihr bisschen Lebensglück kämpfen mit unendlicher Fantasie in Liebe und Wort sowie – mögen es die Figuren auch nicht ahnen – vor allem musikalisch, ohne Barrikaden zu bauen, Pflasterscheine auszureißen, Läden zu plündern und Landesbanken die Scheiben einzuschmeißen. Ihre Waffen sind: Kleidertausch, Liebesbrieflein, Schlüssellöcher und fehlende Siegel auf Patenten. Dass sie keine anderen Waffen benutzen oder haben, macht mich 19

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