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Programmheft Die Hochzeit des Figaro 2017

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als Zuschauer zornig. Trotzdem liebe ich diese Figuren und ihr teils listiges, teils dämliches Getue mit Blumenkränzen und gefälschten Unterschriften. Die Welt um sie herum ist verkehrt, gehört abgeschafft oder geändert, aber ihr Wettbewerb »Wer kompromittiert wen wann am peinlichsten?« ist zu verstehen als Kampf. Billetts, Patente, Kanzonetten und Brief-Nadeln sind Waffen und sollten von uns mit entsprechender Aufmerksamkeit behandelt werden. Wir erleben grotesk komödiantisch überzeichnete Körperlichkeit, Erstarrung, Form und Förmlichkeit, ratlos machende Gelöstheit in der Krise oder danach; außerdem höfischen Tanz und dessen Auflösung in scheinbar kaum geformte persönliche Körperentäußerung, alles mit und durch eine Musik, die früher und mehr verrät über die Tiefe und Untiefe der Figuren und deren Konflikte, als sie es selbst wissen. Die Musik kann dieWelt der Figuren anhalten und rasend beschleunigen, bis alles um sich selbst zu kreisen und dabei doch vom Boden abzuheben scheint. Sie kann in ein und demselben Augenblick Klarheit mit Bewusstlosigkeit vereinen. KOMÖDIE IST TRAGÖDIE + INTELLIGENZ. ODER + ZEIT? Vielleicht wird das den Figuren manchmal bewusst. Dann haben sie eine Ahnung von ihrer Not und ihrem so reichen Potential. Aber nur kurz. Denn würde ihnen klar, dass sie alle über einen geradezu verschwenderischen Reichtum von Melodien und musikalischen Strukturen verfügen, brächten sie uns vermutlich um den Genuss der vielen wunderbaren Ensembles und stellten sich sämtlich ins Zentrum einer monodramatischen Solo-Oper. Verdient hätten sie es. Jörg Lichtenstein 21

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