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Programmheft Don Giovanni 2016

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Opernstudio (2016) Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni Dramma giocoso in zwei Akten KV 527 (1787) Libretto von Lorenzo da Ponte In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln Premiere: 15. August 2016 - 19.30 Uhr Weitere Aufführungen: 16., 18., und 20. August 2016 - 19.30 Uhr Dauer: ca. 3 Stunden (inkl. Pause)

AUTHENTIZITÄT UND

AUTHENTIZITÄT UND GEMEINSCHAFT VON »BEZIEHUNGSKISTEN« UND »OFFENER SEXUALITÄT« Die linksalternativen Körpervorstellungen und -normierungen reichten tiefer als nur bis auf die Ebene der äußeren Erscheinung und den Kleidungsstil. Reguliert wurden auch Partnerschaft und Sexualität – die Paarbeziehungen sollten sich für eine »reflexive Problematisierung« öffnen. Der Aufbau einer Beziehung setzte ein hohes Maß an Selbstthematisierungskompetenz voraus. So sollten die Geschlechterrollen und -bilder einer Neugestaltung unterworfen und den Ansprüchen der Selbstverwirklichung angepasst werden. Dabei wurde in der Partnerschaft einerseits Eigenständigkeit für wichtig erachtet, andererseits sollte aber auch das Konsensideal der einvernehmlichen Partnerschaftlichkeit nicht aufgegeben werden. Da die klassischen Rollenmuster als veraltet galten, mussten neue entworfen werden, die zugleich ordnungsstiftende Kraft im praktischen Verhalten entwickeln sollten. Die Erwartung massiver und schneller Veränderungen schuf viele Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern und in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die nicht umsonst mit dem Begriff der »Beziehungsarbeit« belegt wurden. […] Zunächst einmal lässt sich die »sexuelle Revolution« nicht vorschnell mit der Studentenverbindung in eins setzen, wenngleich die »offene Sexualität« der Studentenbewegung beachtliche mediale Verbreitung und Wirkung fand. Den studentischen Forderungen war jedoch die sogenannte »Sexwelle« der sechziger Jahre vorgelagert. Nackte Frauen auf den Titelblättern der Illustrierten, populäre Aufklärungsfilme, Sexverlage, die Rekordumsätze verbuchen konnten, Erotikromane als Bestseller und die Eröffnung von Sexshops und Stripteaselokalen in fast jeder größeren Stadt – all dies entfaltete Breitenwirkung und hatte sich bereits Mitte der Sechziger durchgesetzt. Während in den fünfziger Jahren der Film Die Sünderin mit der nur wenige Sekunden nackt gezeigten Hildegard Knef noch für Wirbel gesorgt hatte, war derlei Aufregung schon Mitte der sechziger Jahre undenkbar geworden. Im darauffolgenden Jahrzehnt saß dann schon die nackte TV-Frau »in einer mit trübem Wasser gefüllten Badewanne und genoss die pflegende Wirkung von Fenjala, oder rekelte sich unter kühlen Brausen und lobte Badedas«. Das Sexuelle war in 18

den sechziger Jahren, nicht zuletzt auch dank der 1961 in der Bundesrepublik eingeführten Antibabypille Anvolar, zu einem Möglichkeitsraum geworden. Die Lösung des Sexuellen von der Reproduktion, die Anreizung des Sprechens und Phantasierens über den Sex und die schlichte Alltagspräsenz der Sexualität in den Medien markierten zentrale Voraussetzungen für den linksalternativen Sexualitätsdiskurs und seine Praktiken. Dabei diente die konsumkapitalistische Sexualisierung der Frauen durch die »Bewusstseinsindustrie« dem linksalternativen Milieu Negativfolie, mit der sich die Alternativakteure kritisch auseinandersetzten. Im Rahmen der allgemeinen Sexwelle werde der Sex zur bloß vermarkteten Ware degradiert, »authentische Kontakte« seien in der »künstlich-plastikartigen Erregungsindustrie eines »steuerbaren Freizeitleistungssportes« nicht möglich. […] Unter den gegebenen familiären und gesellschaftlichen Verhältnissen sei keine wirklich befreite Sexualität möglich. […] SVEN REICHARDT Sexualität wurde im linken Diskurs somit anders verstanden. Die Linksalternativen wollten sich einerseits von der Liberalisierung in der etablierten Massenkultur abgrenzen, entdeckten aber andererseits den Genitalorgasmus als Allheilmittel. Sie protestierten gegen die bürgerlichen Sexualnormen, kämpften gegen Prüderie, Spießbürgerlichkeit und die »Lüge« romantischer Liebe. Im SDS gründeten sich ab dem Ende der sechziger Jahre Arbeitskreise zum Thema Sexualität und Herrschaft. […] Die neuen Normen des linksalternativen Milieus Der offene Umgang mit dem sexuellen Verlangen und die Zurückweisung von Besitzansprüchen und »bürgerlicher Eifersüchtelei« machten die Liebesbegegnungen unter Linksalternativen nicht nur freier und vielfältiger, sondern normierten sie auch in neuer Weise. Sexualität wurde zwar als Befreiung aus kapitalistischer Repression (»Sexattrappen« des Konsumkapitalismus) ausgegeben und als sozialistischer Selbstverwirklichungsakt politisiert – aber die »Sensibilisierung für den eigenen Körper und die Bedürfnisse des Partners« kam nicht ohne eigene Normierungen aus. […] 19

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