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Programmheft Don Giovanni 2016

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Opernstudio (2016) Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni Dramma giocoso in zwei Akten KV 527 (1787) Libretto von Lorenzo da Ponte In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln Premiere: 15. August 2016 - 19.30 Uhr Weitere Aufführungen: 16., 18., und 20. August 2016 - 19.30 Uhr Dauer: ca. 3 Stunden (inkl. Pause)

Der Sexualität wurde im

Der Sexualität wurde im linksalternativen Milieu eine nahezu identitätsstiftende Kraft zugesprochen. Sowohl die Selbstsuche als auch die politische Befreiung erfolgten über die Sexualität, welche mithin eine hohe Bürde zu tragen habe. Für die Akteure und ihre Sexualität bedeuteten derlei Ansprüche letztlich eine fatale Überforderung. Die Vorstellung, dass Sexualität eine therapeutische Funktion haben könne, teilte das Milieu ausgerechnet mit den Protagonisten der Entwicklungen, die sich im Rahmen der Sexwelle vollzogen. Denn im Aufschwung der Pornoindustrie – von soften Varianten wie dem Schulmädchen-Report (ab 1970) bis zum einflussreichen Erfolgsfilm Deep Throat (1972) – konvergierte die Popularisierung des Wissens über Sexualität und die Visualisierung mit der Verwissenschaftlichung des Körpers. Die Pornos kamen als psychologisch verbrämte Geschichten daher, in denen Experten, Sexualwissenschaftler, Psychiater und Ärzte den in den Mittelpunkt des Geschehens gerückten Frauen sowohl zu sexueller Entfaltung und Befriedigung als auch zu der daran gekoppelten Identitätsfindung verhalfen. Sexualität und ihre Therapeutisierung als Zentralmomente der Subjektkonstitution waren insofern nicht auf das linksalternative Milieu begrenzt, sondern wirkten weit darüber hinaus. Im linksalternativen Sexualitätsdiskurs wurden diese Zusammenhänge also nicht gestiftet, sondern radikalisiert, dramatisiert und politisiert. Insgesamt führte die von den Linksalternativen vorgetragenen Behauptung, die Sexualität werde unterdrückt, zu einem permanenten Gesprächsanreiz. Das »Alles-über-den-Sex-Sagen« wurde zu einem Imperativ innerhalb des Milieus. Dadurch konnte der Sex diskursiv neu eingehegt werden. Sexualität wurde durch die Diskursivierung im »Run um den tollsten Orgasmus« kontrollierbar. Der Orgasmus galt als »zwangsläufige Krone jeden Körpererlebens: je öfter, je schneller, je besser. Orgas-Muss!«, schrieb ein linker Mann 1980 in der einschlägigen Ästhetik & Kommunikation. […] Veränderungen im Beziehungs- und Sexualverhalten Die Auseinandersetzungen in den linksalternativen »Beziehungskisten« fielen in eine Zeit des Umbruchs des Beziehungs- und Sexualverhaltens junger Menschen. Auch überall sonst in den jüngeren Altersgruppen waren die Ansprüche an Partnerschaft und Liebe gestiegen, was oftmals zu Konflikten unter den Partnern führte. Die in den fünfziger Jahren festgefügte Moral aus lebenslanger Treue, inkriminiertem außerehelichen Zusammenleben, beschwiegener Sexualität und verheimlichter Masturbation stand spätestens ab Anfang der sechziger Jahre (also schon vor der Studentenbewegung) im 20

Widerspruch zur tatsächlichen sexuellen Praxis Jugendlicher und junger Erwachsener. Die 68er »rissen Mauern [zwar] ein, doch sie schleiften eine Burg, die nur noch eine Ruine war und störte: Die Burg ‚frühkapitalistische Prüderie und Triebverzicht‘“. Das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs war schon vor 1968 »vorverlegt« worden, der voreheliche Geschlechtsverkehr wurde zu etwas Gewöhnlichem und sexueller Verkehr mit verschiedenen Partnern zunehmend häufiger. Die schichtübergreifende »sexueller Modernisierung« war in vollem Gange, als die Aktivisten der Studentenbewegung diese Entwicklung mit zum Teil pompöser Geste auf ihre eigenen Fahnen schrieben. Bürgerliche Erwachsene hatten bereits in Oswalt Kolle, untere Bildungsschichten in Beate Uhse und Schwule später dann in Rosa von Praunheim ihr Vademekum gefunden – die Liberalisierung und Ausdifferenzierung der Sexualität an sich war also kein Verdienst der 68er. Aber sie leisteten einen erheblichen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung dieser Entwicklungen. Dabei politisierten sie die Sexualität ebenso, wie sie zu deren Überschätzung und Neudefinition beitrugen. […] AUTHENTIZITÄT UND GEMEINSCHAFT Vor allem die Geschlechterunterschiede schliffen sich im Laufe der späten siebziger und frühen achtziger Jahre ab – Studentinnen hatten nun ähnlich früh ihren ersten Sex und auch ähnlich viele Beziehungen wie Männer. Die Lust und der Drang sich umzusehen wurden bei beiden Geschlechtern größer, die Beziehungen dementsprechend kürzer. Die Figur des unabhängigen Singles entstand, der jedoch meist nicht heroisch sein Leben genoss, sondern häufig im Wartestand auf der Suche nach der nächsten Partnerschaft und sexuell eher als depraviert galt. Innerhalb ihrer Beziehungen blieben junge Studenten wie Studentinnen weitgehend monogam, aber die Frequenz der Beziehungen erhöhte sich, sodass die Sexualwissenschaftler den Begriff der »seriellen Monogamie« einführten. Sexualität wurde zum Ausdruck für Nähe, Intimität und Aufregung; die sexuellen Akte gestalteten sich gemäß einer »Verhandlungsmoral« zwischen den Sexpartnern offener und tabuloser. Gerade in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren wurde Treue dem Erlebnisaspekt der Sexualität nachgeordnet – die Erlebnisqualität einer Sexualität ohne partnerschaftliche Verbindlichkeit wurde von Studenten wie Studentinnen gleichermaßen hoch geschätzt. Sexualität und psychisches Wohlergehen wurden eng miteinander verknüpft. Sven Reichardt 21

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