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Programmheft Hamlet 2016

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Oper im Festspielhaus (2016) Hamlet von Franco Faccio Amleto (Hamlet) Oper in vier Akten (1865) Libretto von Arrigo Boito In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln, Kritische Ausgabe von Anthony Barrese Premiere: 20. Juli 2016 - 19.30 Uhr Weitere Aufführungen: 20., 25. und 28. Juli - 19.30 Uhr Dauer: 3 Stunden (inkl. Pause)

Ja, James von Schottland

Ja, James von Schottland ist der designierte Nachfolger auf den Thron von England. Mitten in diese Zeit der Unsicherheit hinein, in diese Zeitenwende, schreibt das größte Medientalent der Zeit ein Drama, dessen Held, Hamlet, sich in der gleichen Situation befindet wie der Thronfolger von England. Auch James ist, wie Hamlet, Protestant. Und wie Hamlet hat auch er katholische Eltern: Maria Stuart und Darnley Stuart. Und wie Hamlets Mutter heiratet auch James‘ Mutter den Mörder ihres Mannes und ihren Geliebten. Das soll nicht aufgefallen sein? Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht zufällig und vom Autor beabsichtigt. Und um das ganz klar zu machen, führt er uns in seinem Stück ein Stück vor, das zwecks Angleichung an die Wirklichkeit umgeschrieben wird. Deutlicher kann man ja wohl nicht werden! Schließlich warteten die Feinde der Reformation nur auf eine Gelegenheit zu intervenieren. Wie viele Pläne haben sie schon geschmiedet, um Elizabeth zu ermorden! Und gäbe es nicht Walsinghams vorzüglichen Geheimdienst – auch der Shakespeare-Kollege Christopher Marlowe hat sich da betätigt –, wäre Elizabeth längst einem Terroranschlag zum Opfer gefallen. Die Katholiken sind Jünger des Terrorismus, und das sogar im Auftrage seiner Heiligkeit, des Ajatollah von Rom. Religion und Terrorismus scheinen sich irgendwie anzuziehen. […] SHAKESPEARES HAMLET Sicher ist hier nichts. Das Stück beginnt mit einem Rätsel. Und das vor dem Hintergrund hektischer Rüstungsvorbereitungen. Man spricht von Krieg mit Fortinbras von Norwegen. Er soll das Land zurückerobern wollen, das sein Vater an den alten König Hamlet verloren hatte. Ist das der Grund, dass der Geist in so ungewohnter Aufmachung erscheint, in der Rüstung? Einige Zuschauer flüstern. Angeblich soll der Autor selbst in dieser Rüstung stecken: William Shakespeare, der Geist, der uns so viele Rätsel aufgibt. So hat er auch die Nachwelt genarrt, die wie Goethe das Rätsel in Hamlets Charakter verlegte, wohin ihm die Freunde des Tiefsinns, Mitglieder einer weltweiten Gesellschaft, gern gefolgt sind. Doch setzt man eine historische Brille auf, stellt man die ursprüngliche Gestalt dieses Rätsels wieder her. Hamlets Problem besteht nicht in der Art des Auftrags, sondern in der Natur des Auftraggebers. 11

Man muss nicht die Bücher, die Shakespeare selbst für die Darstellung des Geistes benutzt hat, lesen […], es genügt, sich vor Augen zu halten: Die Protestanten schaffen das Fegefeuer ab. Das kommt einer Kulturrevolution gleich. Im Fegefeuer leben nämlich die Toten in einer Parallelwelt zeitgleich mit den Lebenden weiter. Für die Lebenden sind sie noch kommunikativ erreichbar. Man kann ihr Schicksal beeinflussen. Eine Seelenmesse für den geliebten Vater, und es geht ihm besser. Man kann, wie heute zu einem inhaftierten Familienmitglied, Kontakt halten. Die Zeit war noch nicht in eine unwiderruflich festgelegte Vergangenheit und eine offene Zukunft geteilt. Vielmehr war die Welt in Jenseits und Diesseits geteilt. Das Diesseits wiederum war noch nicht durch eine lückenlose Verkettung von Ursache und Wirkung festgelegt. So kam das Unerwartete nicht aus der Zukunft, sondern aus dem Parallelpräsens des Jenseits. Ständig musste man mit den Eingriffen Gottes rechnen, mit seinen Wundern und Wutanfällen. Ständig intervenierten Dämonen oder Geister. Die Kommunikationsgemeinschaft war nicht auf die Menschen beschränkt. Zur Gesellschaft gehörten auch die Toten, die Engel, Dämonen, Heiligen und Geister. Die Welt war bevölkert mit zahlreichen Wesen, die als Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits unterwegs waren. Die Vielstimmigkeit wurde durch Humanismus und Protestantismus radikal verändert. Die Kommunikation wurde auf das Gespräch zwischen Menschen und Gott beschränkt. Und dabei wurde es an einem neuen Medium ausgerichtet: an der Schrift. Nach der Erfindung des Buchdrucks wird Gottes Wort für alle zugänglich. Wer lesen kann, hört Gott. Was braucht er dazu die Priester oder gar die zahlreichen Bittsteller, Türsteher, Lobbyisten und Mittelsleute, die für ein Gespräch mit Gott grauenhafte Gebühren verlangten? Und auch das Purgatorium war nichts als ein Knast, der von den Klerikern angelegt wurde, um mittels einer gestaffelten Strafnachlassordnung ungeheure Mengen von Gebühren zu kassieren: 100 Pfund und eine Seelenmesse für 100 Jahre Strafnachlass, ein ganzes Bauerngut für einen Generalablass. Und so hatte sich die Reformation auch an dieser Frage der Ablässe entzündet. Die Abschaffung des Purgatoriums war ihr Sturm auf die Bastille. Und was geschah mit den Insassen dabei, den Toten? Sie wurden nun wirklich dem Strom der Zeit überantwortet und den Wassern des Vergessens übergeben. Ihnen wurde der Aufenthalt in der Welt verweigert. Sie wurden von der Gegenwart der Lebenden getrennt und der Vergangenheit übergeben. Sie waren nun wirklich tot. 12

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