Aufrufe
vor 3 Jahren

Programmheft Moses in Ägypten 2017

  • Text
  • Festspielhaus
  • Festspiele
  • Moses
  • Rossini
  • Oper
  • Chor

Ich wuchs

Ich wuchs in einer atheistischen Familie auf und kannte nur wenige religiöse Menschen in meiner Umgebung. Religion war also immer entfernt von mir. Im Alter von fünf Jahren fragte ich meine Eltern, was es denn mit diesem Gott auf sich habe, von dem ich gehört hatte. Sie antworteten mir, dass sie zwar nicht an Gott glaubten, ermunterten mich aber, mir eine eigene Meinung zu bilden. Schon zu dieser Zeit war Gott für mich eher eine Erzählung. Viele Regisseure, die in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen sind, fühlten sich aufgefordert, ein Zeichen gegen die Kirche und eine Gottesmoral zu setzen, die uns vorschreiben, wie wir unser Leben zu gestalten haben. Dieses Verlangen spüre ich nicht, da ich niemals von irgendeinem Dogma unterdrückt wurde. Im Gegenteil betrachte ich mich als Teil einer Generation, die ohne irgendein Dogma aufwachsen konnte. Gott und die Kirche waren nicht mehr bedeutsam. Große Ideologien waren schon ausgestorben. Kommunismus funktionierte nicht, Kapitalismus auch nicht. Die Einstellung war eher: »Solange du als Individuum glücklich wirst, beschäftigen wir uns nicht mit der Gesellschaft.« Manchmal habe ich mir deshalb gewünscht, dass es etwas gibt, woran man wirklich glauben kann. So wie das Werk geschrieben ist, gibt es definitiv einen Gott, der Dinge geschehen lässt. Ich fragte mich, was für ein Gott das ist und wie ich ihn zeigen möchte. Als ich die Geschichte des Exodus zum ersten Mal las, war ich recht überrascht 14

von dem Gott, den ich darin fand. Das widersprach ganz und gar dem Gottesbild, wie ich es zum Beispiel aus amerikanischen Filmen kannte. Dort ist er ein wirklich guter Typ, der nur das Beste will und auch noch sehr versöhnlich ist. Der Gott, wie er mir im Exodus begegnet, ist geradezu selbstsüchtig. Es geht ihm oft um seinen persönlichen Vorteil, wenn er etwas für andere tut. Das erinnert mich viel mehr an die griechischen Götter als an das christliche Gottesbild. Die griechischen Götter sind ungemein faszinierend, weil sie den Menschen so ähnlich sind. Genau das brachte mich zu folgender Überlegung: Ob Gott nun die Menschen nach seinem Vorbild erschuf oder wir Gott nach unserem Vorbild erschaffen, ist nicht maßgebend. Wie wir Gott sehen, sagt etwas darüber, wer wir im Innersten als Menschen sind. Genau darauf möchte ich in der Inszenierung fokussieren: einen menschlichen und imperfekten Gott, der mit der Welt herumspielt, genau wie wir es auch tun. LOTTE DE BEER In gewisser Weise wird Gott in dieser Inszenierung sichtbar, durch das Theaterkollektiv Hotel Modern. Was zeichnet diese Gruppe aus? Ich habe einige ihrer Aufführungen gesehen, in denen ich sie gewissermaßen als gottähnliche Kreaturen wahrnahm, die mit der Welt spielen. Ihre Puppen und das eher einfache Material lässt ihr »Spiel mit der Welt« auf der einen Seite äußerst machtvoll wirken, auf der anderen Seite erinnert es an einfaches Kinderspiel. Dieses Prinzip ist ungemein spannend für unsere Fragestellung. Möglicherweise lenken auch uns Wesen, die genauso kindlich sind wie wir selbst. Die einfach wirkende Theatersprache von Hotel Modern verleiht ihr etwas Zeitübergreifendes. Genau das benötigt diese Oper meiner Überzeugung nach. So können wir die Geschichte von sämtlichen Flüchtlingen erzählen genauso wie die des mittleren Osten, eben die Geschichte der Menschheit von damals, heute und in der Zukunft. 15

Unsere Dokumente für Sie:

© 2021 Bregenzer Festspiele