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Programmheft Moses in Ägypten 2017

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MOSÈ IN EGITTO Z

MOSÈ IN EGITTO Z WISCHEN STAUNEN UND LIEBESKUMMER Ich habe das Oratorium fast beendet, und es läuft sehr gut. Das Werk hat jedoch höchstes Niveau, und ich weiß nicht, ob diese Makkaronifresser es verstehen werden. Aber ich schreibe für meinen Ruhm, und der Rest kümmert mich nicht.« Gioachino Rossini schrieb diese Zeilen 1818 an seine Mutter, kurz bevor er sein Werk Moses in Ägypten (Mosè in Egitto) vollendete, das er selbst aus gutem Grund nicht Oper nannte. Die Uraufführung war für die Fastenzeit am Teatro di San Carlo in Neapel geplant. Bis in die 1780er Jahre waren 26

die Theater während der Fastenzeit geschlossen, doch dann kamen Staat und Kirche trotz vieler Streitpunkte überein, während dieser Zeit die Theater zu öffnen, allerdings nur für Opern mit biblischen Inhalten. Bis 1820 entstanden mindestens 24 Opern dieser Art. Bereits vor Mosè in Egitto hatte Rossini einen biblischen Stoff vertont: 1812 wurde in Ferrara Ciro in Babilonia uraufgeführt. Von den Kirchenoberen wurde die meist oberflächliche Verarbeitung religiöser Stoffe kritisch betrachtet, für den Staat boten diese Werke jedoch eine Möglichkeit, auch »ideologisch gezielt einsetzbare Unterhaltung anzubieten«, wie die Theaterwissenschaftlerin Doris Sennefelder erklärt. Sämtliche Libretti zu dieser Zeit mussten vom Innen- und Polizeiministerium freigegeben werden, was nicht immer der Fall war, wie spätere berühmt gewordene Beispiele, darunter Giuseppe Verdis Un ballo in maschera und Rigoletto, zeigen. Andrea Leone Tottolas Libretto für Rossini passierte jedoch ungehindert die Zensur, wohl auch, weil es den Anspruch an biblische Opern erfüllte, den Saverio Mattei bereits 1779 in seiner Philosophie der Musik formuliert hatte: »eine Unterweisung, eine Predigt für das Volk, das, geleitet von der Süße der Musik, jene oft unangenehmen Maximen lernt, anhand derer es sein Verhalten regelt«. ZWISCHEN STAUNEN UND LIEBESKUMMER Die »Predigt für das Volk« kommt in Rossinis »tragisch-sakraler Handlung«, wie Mosè in Egitto in der Partitur bezeichnet wird, ausgerechnet in dem Stück besonders zum Ausdruck, das bei der Uraufführung 1818 noch gar nicht zu hören war: das Gebet der fliehenden Israeliten, deren Weg vom Roten Meer versperrt ist. Diese Preghiera »Dal tuo stellato soglio«, mit der Moses sein Volk zum Gottvertrauen auffordert, schrieb Rossini erst ein Jahr später, als er die Oper überarbeitete. Mit dieser Nummer begab sich der Komponist in die Tradition zahlreicher biblischer Opern seiner Zeit, die eine Preghiera »als musikalisch reizvolle Plattform für ein religiös verbrämtes Gemeinschaftserlebnis mit erzieherischem Hintergrund« enthielten (Sennefelder). Rossinis Preghiera rührte und begeisterte das Publikum, es wurde zum bis heute berühmtesten Stück des Werks. Seine weit darüber hinausgehende Bedeutung hat in der italienischen Musikgeschichte nur ein Vergleichsstück: den Gefangenenchor »Va pensiero« aus Verdis Oper Nabucco. 27

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