Aufrufe
vor 3 Jahren

Programmheft Moses in Ägypten 2017

  • Text
  • Festspielhaus
  • Festspiele
  • Moses
  • Rossini
  • Oper
  • Chor

28

Chornummern wie die Preghiera mögen Rossini dazu verleitet haben, von einem Oratorium zu sprechen, obwohl genau dieses Stück zu diesem Zeitpunkt noch nicht komponiert war. Doch insgesamt bestimmen ergreifende und groß angelegte Chorszenen die Partitur. Der Klagegesang über die Finsternis zu Beginn des Werks, die strahlende Freude bei der Rückkehr des Lichts, die Erschütterung über den Feuersturm am Ende des ersten Akts, aber auch der wie innere Stimmen Amalteas wirkende Chorgesang im zweiten Akt zeugen von Rossinis musikalischem Reichtum, womit er die unterschiedlichen Rollen des Chors im Verlauf der Handlung eindrucksvoll zu charakterisieren wusste. Im Gegensatz zu den großen, oft tableauhaft angelegten Szenen der öffentlichen Handlung, die sich an der biblischen Erzählung des Exodus orientiert, stehen zahlreiche Momente der privaten Geschichte, in der die heimliche Liebe Osirides, des ägyptischen Thronfolgers, und der hebräischen Gefangenen Elcia erzählt wird. Deren widerstreitende Gefühle zwischen Pflichterfüllung und Leidenschaft ermöglichen Rossini die Komposition von eindringlichen Arien und Duetten mit umfangreichen Koloraturen. Letztlich sind es sogar Osirides Gefühle, die den Pharao zum mehrmaligen Widerruf seines Befehls, die gefangenen Israeliten freizulassen, verleitet. Mit Hilfe seines Vertrauten Mambre gelingt es dem Sohn des Machthabers, einen Aufstand der Ägypter gegen die Entscheidung zu organisieren. Er überzeugt seinen Vater davon, ihrem Misstrauen gegenüber Moses nachzugeben und damit unbewusst der heimlichen Liebe seines Sohnes Vorschub zu leisten. Diese private Handlung mit großen gesellschaftlichen Auswirkungen lädt dazu ein, das Werk heute als Oper zu bezeichnen. Es war wohl die Verbindung dieser beiden Handlungsebenen, die Rossini zur Vertonung von Francesco Ringhieris fünfaktiger Tragödie L’Osiride gereizt haben. Wie Rossinis Librettist Tottola war auch Ringhieri ein Geistlicher, wohl weniger aus religiöser Überzeugung als aus Hoffnung auf Erfolg und gesellschaftlichen Vorteil. Mehrere seiner Theaterstücke folgten französischen Vorbildern wie Jean Racine und sind effektvolle Dramatisierungen biblischer Stoffe. Waren sie beim Publikum erfolgreich, stießen sie bei Kritikern auf Widerspruch und brachten Ringhieri den Titel des »Tragikers des niederen Volkes und der Hebräer« ein. Mit Hilfe erfundener Liebes- ZWISCHEN STAUNEN UND LIEBESKUMMER 29

Unsere Dokumente für Sie:

© 2021 Bregenzer Festspiele