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Programmheft Moses in Ägypten 2017

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geschichten wollte der Autor die biblischen Geschichten für das Publikum zugänglicher machen. In der Vertonung von L’Osiride, das 1760 in Padua uraufgeführt worden war, widmete Rossini seinem Liebespaar mehrere Szenen. Im ersten Akt verabschieden sich Osirde und Elcia bereits für immer, da sie mit dem baldigen Aufbruch der Israeliten rechnen. Im Duett schwanken beide Figuren zwischen Beteuerungen ihrer Liebe, die sie beim jeweils anderen vorwurfsvoll in Frage stellen. Der zweite Akt stellt Osirides Versuch, Elcia in einer Höhle vor den Augen der fluchtbereiten Israeliten zu verbergen, in einer umfangreichen Szene dar. Dieser Akt gipfelt in einer von mehreren Einschüben des Chores und anderer Figuren unterbrochenen Arie Elcias. Sie wird dadurch zur zentralen Gestalt der Inthronisierung Osirides durch den Pharao. Sie gesteht öffentlich ihre Verbindung mit Osiride und bietet sich als Opfer für die Freilassung der Israeliten an, bevor sie den Tod ihres Geliebten beklagen muss, den ein göttlicher Blitzschlag aus dem Leben gerissen hat. Insgesamt tendiert Rossini in seinem Werk zu größer dimensionierten Szenen als dies in seinen früheren, meist komischen Opern der Fall ist. Innerhalb dieser geschlossenen Nummern folgt er einer genauen musikalischen Struktur, die sowohl typischen Elementen aus Rossinis bekannten, vorher entstandenen Opern wie Il barbiere di Siviglia oder La Cenerentola Raum gibt als auch spektakulären Effekten und elegischen Passagen. Ein beeindruckendes Beispiel einer solch komplexen Szene ist bereits der Anfang des Werks. Rossini verzichtet auf eine Ouvertüre, stattdessen eröffnen drei Schläge des gesamten Orchesters mit einer mächtigen Geste das Werk. Fallende Halbtonschritte, die als Seufzerfiguren ein unmittelbar verständliches Symbol seit der Barockzeit sind, verbreiten die gedrückte Stimmung, in der sich das von Dunkelheit geplagte Ägypten befindet. Eine kreisende Bewegung mit häufigem Wechsel von c-Moll zu g-Moll lassen sich leicht als Signal der Ausweglosigkeit erkennen, die der klagende Chor in Worte fasst. Elegant stellt Rossini in diesem Ensemble die wesentliche Konflikte des Werks vor: die Erschütterung der Ägypter durch die Plagen des israelischen Gottes, den Übermut und Machtanspruch des Pharaos, Moses’ und Aarons Misstrauen gegenüber dessen Entscheidungen, Osirides verborgene Leidenschaft für Elcia sowie Amalteas Distanz zu ihrem Gatten und versteckte Sympathie für die gefangenen Israeliten. 30

Verweigert Rossini entgegen der Konvention seiner Titelfigur eine Auftrittsarie, lässt er Moses immerhin nach dem unscheinbar wirkenden Auftritt in einer klanggewaltigen Anrufung dessen Gott um die Rückkehr des Lichts bitten. Mit mächtigen As-Dur-Akkorden der Posaunen, die traditionell, unter anderen in Mozarts Don Giovanni, für die göttliche Sphäre stehen, wird dieses Stück eingeleitet. Ausufernd demonstriert Moses in profunder Basslage die Größe seines Gottes; würdevoll deklamiert er seine Worte. Jede Silbe bekommt eine Note, auf ablenkende Ornamente wird verzichtet. Seine Worte werden erhört und erneut genügt Rossini eine genau gewählte, aber einfache musikalische Geste, um das wiederkehrende Licht ohne notwendige Worte zu beschreiben: Das melancholische c-Moll wandelt sich in strahlendes C-Dur und versetzt alle anwesenden Figuren in Staunen. Rossini mag sich an Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung orientiert haben, wo die Worte »Und es ward Licht« mit derselben Tonart umgesetzt werden. OLAF A. SCHMITT In ähnlicher Weise unterstreicht Rossini in der Preghiera im dritten Akt die Kraft der gemeinschaftlichen Erfahrung. Die drei Strophen des Gebets, die von Moses, Aaron und Elcia in getragenem g-Moll vorgetragen werden, münden in einen Refrain des Chors in der Paralleltonart B-Dur. Danach wiederholt der Chor die erste Strophe, nun aber in G-Dur mit Unterstützung des gesamten Orchesters. Die Strophen zuvor waren mit Harfe, gezupften Streichern und solistischen Holzbläsern zurückhaltend instrumentiert. Es verwundert daher nicht, dass Stendhal in seiner Schrift La vie de Rossini die begeisterte Aufnahme dieser Nummer literarisch überhöht: »Man kann sich den Donnerschlag nicht vorstellen, der im ganzen Saal widerhallte; man hätte meinen können, das Theater bricht zusammen. Die Zuschauer in den Logen – stehend und den Körper nach draußen gebeugt, um zu applaudieren – schrien aus Leibeskräften: ‚Schön! Schön! O wie schön!’ Nie habe ich eine solche Leidenschaft, einen solchen Erfolg gesehen [...] Das war kein Beifall auf die französische Art bzw. getragen von befriedigter Eitelkeit wie im ersten Akt: Das waren Herzen, die vor Freude überlaufen, die Gott danken, da er das Glück mit vollen Händen über ihnen ausgeschüttet hatte. Wie könnte man nach einem solchen Abend noch verneinen, dass die Musik einen direkten und physischen Einfluss auf die Nerven hat!« 31

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