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Programmheft The Situation 2017

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Theater am Kornmarkt The Situation von Yael Ronen & Ensemble The Situation (2015) von Yael Ronen & Ensemble In englischer, deutscher, hebräischer und arabischer Sprache und mit deutschen und englischen Übertiteln Premiere: 26. Juli 2017 - 19.30 Uhr Dauer: 1 ½ Stunden (ohne Pause)

THE SITUATION Wir

THE SITUATION Wir lernten ihn und seine Gabe, unglaubliche Geschichten zu erzählen, auf einer Party kennen. Maryam Abu Khaled, die talentierteste junge Schauspielerin aus dem Westjordanland, wollte unbedingt als Schauspielerin arbeiten. Die Möglichkeiten dazu sind im Westjordanland im wahrsten Sinne des Wortes äußerst begrenzt. Also kam sie nach Berlin, um am Gorki ihren Beruf auszuüben. Dimitrij Schaad sollte »den Deutschen« spielen, der auf der Bühne alles fragen kann, was für die anderen Schauspieler*innen vielleicht durch die eigene Biografie selbstverständlich ist. Er ist aber eben nicht nur Deutscher, sondern kommt auch aus Kasachstan, wo er das Chaos nach dem Zusammenbruch eines politischen Systems erlebt hat. So hat er auch mal in Deutschland neu anfangen müssen. Er hat das Projekt in einen größeren Kontext von Einwanderung gestellt, der schon immer Teil deutscher Geschichte war. Und dann kam ein paar Wochen nach Probenbeginn noch Karim. Karim Daoud wollte raus aus Palästina. Zum Glück bekam er ein Touristenvisum. Viele Kollegen sagten uns, wie talentiert er sei, sie hatten Recht. Nun brauchte er eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, was für 18-jährige Männer aus Qalqilya entweder unmöglich ist oder mindestens drei Monate dauert. Das wäre zwei Monate nach unserer Premiere gewesen. Er bekam die Papiere innerhalb von drei Wochen und war rechtzeitig zu den Endproben unter Vertrag. Mir ist seitdem klar, dass man als Mitarbeiterin einer öffentlichen Institution in Deutschland die Macht hat, legale Fluchthilfe zu leisten. Der Probenprozess sah lange nicht nach Arbeit aus, außer vielleicht der Deutschkurs, den ich den Schauspieler*innen und vor allem Yael Ronen untergejubelt habe. Ansonsten saßen wir im Gorki-Garten, redeten über das Leben dort und hier, warum man gegangen ist, wie man dort gesehen wurde, wie man nach Berlin gekommen ist, wie sich das Ankommen anfühlt, wie man hier gesehen wird, was man hinter sich gelassen hat, wie die Zukunft aussehen könnte. Wir hörten einander zu, eine Herausforderung besonders bei Fragestellungen wie »Erkläre Dimitrij den Nahostkonflikt in 60 Sekunden«. Dieses Reden und Sich-Öffnen ist der erste Schritt der Ronenschen Gruppentherapie. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sie beginnt, das Erzählte zu kanalisieren. Sie schreibt Szenen basierend auf den Erzählungen, verteilt Schreibaufgaben an das Ensemble und bringt Texte der Schauspieler*innen in szenische Formen. Der schwierigste Moment in den Proben ist für die Schauspieler*innen Schritt zwei der Therapie, nämlich, wenn sie das Blatt vorlesen, auf dem eine 14

Geschichte, die sie erzählt haben, in Form einer Szene steht. In dem Moment sind es nicht mehr sie selbst, die eine Geschichte aus ihrem Leben erzählen. Sie werden zu Figuren, das Erlebte wird zu einer Szene – es ist überspitzt, kombiniert mit anderen Teilen ihres Lebens oder der Biografie von jemand anderem, erweitert, verändert, gepaart mit Yael Ronens Phantasie. Sobald das Stück vor Publikum gespielt wird, setzt meist der von Yael Ronen beabsichtigte Heilungsprozess ein. Denn Privates wird veröffentlicht und Öffentliches wird privat. Dies ist der dritte Schritt der Therapie, die Katharsis. THE SITUATION Oft werden wir gefragt, ob das, was auf der Bühne erzählt wird, autobiographisch ist. Dimitrij Schaad wurde kürzlich nach einem Gastspiel gefragt, ob er ein echter Schauspieler ist. Er war selbstverständlich irritiert, aber das ist die Spielweise, nach der Yael Ronen sucht: schauspielen ohne schauspielen. Orit Nahmias zum Beispiel saß vor Kurzem vor einer Vorstellung in der Maske, als die Maskenbilderin sie um Rat fragte, wie man Geliebten und Ehemann gleichzeitig geregelt kriegt – sich berufend auf das, was Orit in The Situation erzählt. Orit war zu schockiert um zu antworten, als sich der Schauspieler einschaltete, der neben Orit geschminkt wurde. Er wiederum war komplett überrascht, dass Orit überhaupt Sex hat, wo sie doch in Yael Ronens Stück Erotic Crisis von der Flaute in ihrem Bett erzählt. Yael Ronens Methode ist es, Fiktion und Realität so sehr zu vermischen, dass am Ende manchmal noch nicht mal die Beteiligten mehr wissen, was echt ist und was nicht. Die Neugier, die der Frage, was echt und was Fiktion ist zugrunde liegt, ist verständlich. Es ist Teil des Erlebnisses, Yael Ronens Inszenierungen anzuschauen. Dafür wurden schon viele Kategorien gefunden von »Amateurtheater« bis »Postauthentizität«. Aber ist wirklich wichtig, was wahr ist und was nicht? Wir Zuschauer*innen erleben in dem Moment, in dem die Schauspieler*innen ihre Texte auf der Bühne sprechen, Empathie. Dafür ist es egal, aus welchem echten oder fiktiven Leben die Geschichten stammen. Sie öffnen im Idealfall Türen in den Köpfen des Publikums, erinnern an eigene Geister und Löcher. Wenn dies gelingt, betreiben Yael Ronen und die Schauspieler*innen im »Darkroom« des Theaters Gruppentherapie für das Publikum. Irina Szodruch 15

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