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Programmheft To The Lighthouse 2017

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Werkstattbühne To the Lighthouse von Zesses Seglias Kammeroper in drei Teilen Libretto von Ernst Marianne Binder nach Virginia Woolf In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln Uraufführung Premiere: 16. August 2017 - 20.00 Uhr Dauer: 1 ½ Stunden (ohne Pause)

Am 6. August 1925 –

Am 6. August 1925 – unmittelbar nach dem Erscheinen des Romans Mrs Dalloway – beginnt Virginia Woolf mit der Niederschrift von To the Lighthouse. Sie vollendet das Werk, unterbrochen von depressiven Schüben, im Januar 1927 und will es ursprünglich als »Elegie« und nicht als »Roman« bezeichnet wissen und vermerkt in ihrem Tagebuch: »... er wird ziemlich kurz werden; soll Vaters Figur völlig enthalten; und die von Mutter; und die Kindheit; und all die üblichen Dinge, die ich hinein zu tun versuche, Leben, Tod, etc. Aber der Mittelpunkt ist die Figur meines Vaters, wie er in einem Boot sitzt, We perished, each alone [aus der Schlussstrophe eines Gedichts über einen über Bord gegangenen und ertrunkenen Matrosen von William Cowper] rezitiert, während er eine sterbende Makrele zerquetscht. – Wie auch immer, ich muss mich zurückhalten.« In dieser anspruchslosen privaten Notiz kündigt sich die ganze Spannung des Romans schon an, der viel mehr geworden ist als eine Biographie der Eltern. In ihrer charakteristischen, von Gedanken und Rückerinnerungen in Parenthesen und endlosen Satzperioden zerfetzten und preisgegebenen Form der Aussage ersteht in archaischer Monumentalität und Erhabenheit das Bild eines Ehepaars, von dem es heißt: »Und plötzlich kam diese Bedeutsamkeit, die sich aus gar keinem Grund [...] auf die Menschen herabsenkt und sie zu Symbolen, zu Vertretern ihrer Art werden lässt, über die beiden und machte sie, wie sie da in der Abenddämmerung standen und schauten, zu Symbolen der Ehe, Mann und Frau.« Das Ehepaar Woolf veröffentlicht den Roman 1927 in seinem eigenen Verlag. Ihr Mann nennt To the Lighthouse ein Meisterwerk, »ein psychologisches Gedicht«. Woolf selbst beschreibt ihn als »bei weitem das beste meiner Bücher«. In der Tagebucheintragung vom Montag, den 21. März 1927 heißt es dazu: »Ich möchte auf meine Bücher los, als spürte ich das Verstreichen der Zeit, Alter & Tod. Wie schön manche Stellen von The Lighthouse sind! Weich & geschmeidig, & tief, meine ich, & kein einziges falsches Wort, seitenlang manchmal.« Der Roman spielt in der gleichen Umgebung, in der Woolfs Jugenderinnerungen das Bild der Eltern aufbewahrt haben: im Ferienhaus an der Küste, während der langen Sommermonate, in denen Gäste die aus Eltern und acht Kindern bestehende Familie noch vergrößerten. Weshalb das Schreiben an diesem Text oft als Psychoanalyse 10

und Therapie bezeichnet worden ist, das die Herrschaft der Eltern über sie bannen sollte. Im Roman heißen die Eltern Mrs und Mr Ramsay und eine illustre Gästeschar, ebenfalls als Figuren aus dem engeren Bekanntenkreis der Woolfs identifizierbar, bevölkert das Geschehen. Die Fahrt zum Leuchtturm bildet die formale Klammer der Handlung des dreigeteilten Romans. Im ersten und längsten Teil, The Window, wird dem jüngsten Sohn, James, für den nächsten Tag bei gutem Wetter die Fahrt zum Leuchtturm versprochen: Die ersten Worte des Romans stellen ein Versprechen dar, das seine Hoffnung auf den Zufall setzt. »Doch bestimmt, wenn es morgen schön ist«, sagt Mrs Ramsay zu James und löst mit ihren Worten eine unermessliche Freude aus. Diese Worte besitzen für ihren Sohn die Zauberkraft, aus einem Wunsch eine Tatsache zu schaffen: als stehe nun fest, dass die Unternehmung auf jeden Fall stattfinden und das Wunder, auf das er sich seit Jahren und Jahren, so scheint es, gefreut hat, nach dem Dunkel nur einer Nacht noch in greifbare Nähe rücken würde. Seine Erwartung, am nächsten Morgen zum Leuchtturm zu fahren, wird jedoch von Mr Ramsay sofort vereitelt. Elisabeth Bronfen bezeichnet den Vater in ihrer Kulturgeschichte der Nacht als modernen Sarastro, der seine Vernunft gegen die Verführung seiner Frau einsetzt. Er unterbindet es, an Dinge zu glauben, statt sie zu begründen, auch wenn die Umstände dagegen sprechen. So behauptet er im Gegensatz zu seiner Frau, dass es morgen mit Sicherheit regnen wird. Am nächsten Morgen regnet es wirklich, und die Fahrt wird erst im dritten Teil des Romans, zehn Jahre später, nachgeholt. ERNST BINDER Weiter heißt es bei Bronfen: »Woolf rückt nicht nur den Machtbereich Mrs Ramsays [...] ins Zentrum ihres Romans, [...] sie greift zudem auf das antike Bild der Nyx als Gebärerin von Schlaf und Tod zurück. Als schützende Figur, auf die sich alle beziehen, entpuppt Mrs Ramsay sich als Platzhalterin der Nacht. Aus dem Wissen um die Fragilität ihrer Welt löst sie in ihren Mitmenschen Träume aus, die ihnen zugleich erlauben, auf ein Morgen zu vertrauen. [...] Die junge Malerin Lily, die die strickende Gestalt [Mrs Ramsay] am Fenster malt, sieht in Mr Ramsay einen egoistischen Tyrann, der durch seine erdrückende Gegenwart nicht nur die gelassene Zweisamkeit zwischen Mutter und Sohn stört, sondern auch ihre eigene imaginäre Verbindung zu dieser nächtlichen Gestalt.« 11

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