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Programmheft To The Lighthouse 2017

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Werkstattbühne To the Lighthouse von Zesses Seglias Kammeroper in drei Teilen Libretto von Ernst Marianne Binder nach Virginia Woolf In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln Uraufführung Premiere: 16. August 2017 - 20.00 Uhr Dauer: 1 ½ Stunden (ohne Pause)

Das Kapitel endet mit

Das Kapitel endet mit einem großen Abendessen. Mr Ramsay bekommt einen Wutausbruch, da er sich über den Dichter Augustus Carmichael ärgert, weil der um einen Nachschlag Suppe bittet, was seinem Verständnis von einem gebührlichen Verhalten widerspricht. Mrs Ramsay, für die das gemeinsame Abendessen den Höhepunkt und fast so etwas wie eine Weihe des vergangenen Tages darstellt, ärgert sich wiederum über Paul und Minta – zwei Bekannte, zwischen denen sie eine Ehe stiften will –, die sich verspäten, weil Minta die Brosche ihrer Großmutter am Strand verloren hat. Im zweiten Teil, Time passes, bricht der Erste Weltkrieg aus, Mrs Ramsay und zwei ihrer Kinder sterben; das Sommerhaus zerfällt. Statt Menschen um einen Esstisch zu versammeln, versammelt sich im Haus ein unbestimmtes Zusammenlaufen von Zeit, in dem Dunkelheit und Tageslicht eine Einheit bilden. In der Abwesenheit jeglicher Bewohner setzt eine Unheimlichkeit sich durch: »Die Stille und die Helligkeit des Tages sind ebenso seltsam wie das Chaos und der Tumult der Nacht.« Virginia Woolf benutzt dieses Kapitel als Verbindungsstück der beiden dominierenden Teile der Geschichte und führt in einer Tagebucheintragung als Beispiel eine H-förmige Zeichnung an, die sie als zwei Blöcke beschreibt, die durch einen Korridor verbunden sind. Es scheint, als liege Woolfs Fokus vor allem im zweiten Teil des Romans auf der Intensität des Augenblicks. Die bloße Abwesenheit von fokalisierten Personen bewirkt, dass der Zeitraum mehrerer Jahre (erzählter Zeit) zu wenigen Seiten kondensiert. Im Libretto bleibt, wie auch im Roman, die Haushälterin Mrs McNab zurück, die versucht, das Haus – und in einem übertragenen Sinn die Welt – vor dem gänzlichen Verfall zu bewahren, während draußen der Krieg tobt. Woolf hat diesen Abschnitt aus der Perspektive eines distanzierten Erzählers geschrieben und er scheint unpersönlich zu wirken, ist aber als Konstrukt ein Beispiel für das, was sie »das Leben, wenn wir nicht daran teilhaben« genannt hat. Und es mag den Leser dünken, dass die berühmten Szenen mit dem braunen Strumpf, die im ersten Kapitel das Vergehen der Zeit mit den Aktivitäten des Alltagslebens in Verbindung gebracht haben, sich im zweiten Kapitel fortsetzen, nun jedoch völlig losgelöst von der physischen Anwesenheit der Person Mrs Ramsays. Das Stricken 12

dient somit auch als Rahmen für das Einfrieren der Zeit, in welchem der Bewusstseinsstrom fließen kann: »Sie zerrte den Strumpf glatt«, ist im Roman zu lesen, »und all die feinen Muster erschienen wie mit Stahlnadeln eingraviert um ihre Lippen und auf ihrer Stirn, und sie wurde reglos wie ein Baum, der wild geschwankt und gebebt hat und sich nun, da der Wind sich legt, Blatt für Blatt beruhigt.« Ich habe das Beispiel des braunen Strumpfes gewählt, um exemplarisch die Schwierigkeit zu vermitteln, aus einem so (tiefen) psychologischen Text ein Libretto zu formen, das der Geschichte und den Menschen hinter den Personen auf der Bühne gerecht wird. So einen Text in ein Libretto zu verpacken – respektlos gesagt – halte ich auch nur für möglich, wenn man es in Übereinstimmung mit dem Komponisten entwickelt. Mindestens so sehr wie auf die Autorin muss ich mich daher in den Komponisten einfühlen, um ihm eine Vorlage für seine Kompositionstätigkeit zu liefern und ihm beim »Hinüberschreiben« der Worte in die Notenzeilen behilflich zu sein. So erscheint es mir auch notwendig, ihm meine akustischen Wahrnehmungen mitzuteilen und in die »sogenannten« Regieanweisungen, die ich lieber »Hinweise« nenne, einfließen zu lassen, wie zum Beispiel eine Frage, die mir nicht aus dem Sinn geht. Im zweiten Teil sehen und hören wir nur Mrs McNab, die Haushältern, der die Aufgabe obliegt, mit dem Klang und dem Ausdruck ihrer Stimme die »Dauer« erfahrbar zu machen, also nicht nur vom Vergehen der Zeit zu erzählen: Warum sollte eine Stimme im Laufe des zweiten Kapitels nicht brüchig werden? Und damit der Zeit jene Körperlichkeit geben, der in diesem Text nachgespürt wird? Bei meiner Arbeit am Libretto halte ich mich konsequent an den Sprachduktus Woolfs, der ein bisschen altmodisch zu sein scheint, aber vom Zauber der genauen und streng durchkomponierten Satz- und Gedankenkonstruktionen durchwirkt ist. Über und in allem spürt man die tiefe Menschlichkeit, das verzweifelte Festklammern an der Hoffnung, nicht alles möge so fürchterlich schrecklich enden, wie es den Anschein hat. ERNST BINDER Wenn Virginia ein ruhiges, naturgemäßes Leben führte«, berichtet ihr Ehemann Leonard in seiner Biographie Mein Leben mit Virginia, »regelmäßig aß, früh ins Bett ging und sich geistig und körperlich nicht überanstrengte, blieb sie ganz gesund. Aber wenn sie sich auf irgendeine Weise zu sehr 13

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