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Programmheft To The Lighthouse 2017

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Werkstattbühne To the Lighthouse von Zesses Seglias Kammeroper in drei Teilen Libretto von Ernst Marianne Binder nach Virginia Woolf In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln Uraufführung Premiere: 16. August 2017 - 20.00 Uhr Dauer: 1 ½ Stunden (ohne Pause)

Das ist genau das,

Das ist genau das, worauf ich gehofft hatte, vielleicht geht es sogar darüber hinaus. Dafür sollten wir Virginia Woolf dankbar sein. Es ist erstaunlich, wie tief man nur durch das Lesen eines Textes in Gedanken und das Unterbewusstsein eines anderen Geistes eintauchen kann. Meine Beziehung zu diesem Buch wurde immer tiefgründiger. Darüber hinaus versuche ich bei jedem Lesen zu begreifen, wie Ernst Binder diese poetische und geniale Adaption schreiben konnte. Mit anderen Worten: Ich möchte dahinter kommen, wie ein Text einen neuen Text aus seinem Inneren heraus erschaffen konnte. Dieses Prinzip lässt sich auch als Reflektion von Woolfs eigener Erzähltechnik auffassen: Die Menschen denken, reagieren, philosophieren, aber sie reden nur wenig. Zusammen mit Ernst Binder, dem Bühnenbildner Jakob Kolding und der Kostümbildnerin Vibeke Andersen verbrachten Sie einige Tage auf der schottischen Isle of Skye, wo die Handlung spielt. Welchen Einfluss hatte diese Landschaft auf die Komposition? Ernst hatte die Idee. Er wollte, dass wir uns dort inspirieren lassen und verstehen, warum Virginia Woolf gerade diesen Ort für ihre Geschichte gewählt hat. Der Zeitpunkt unserer Reise fiel zusammen mit der Arbeit am Bühnenbild, dem Element unserer Oper mit der wohl deutlichsten Verbindung zur Landschaft. Erlebt man diese Landschaft und betrachtet nun Jakob Koldings Bühne, wird einem der Bezug auf den ersten Blick deutlich. Gleichzeitig ist die Verbindung aber auch auf das Wesentliche reduziert. Die Isle of Skye setzt sich aus weiten, leergefegten Landschaften zusammen, die sich bis in den Ozean ziehen. Oft unterbrechen einzelne Elemente den Eindruck eines ganz stillen Lebens, das der Besuch auf der Isle of Skye mit sich bringt. Meine Vermutung ist, dass auch diese Landschaft Woolf dazu veranlasste, über abstrakte Fragestellungen zu schreiben: »So herrschten Anmut und Stille und ergaben zusammen die Gestalt der Anmut selbst, eine Form, aus der das Leben entwichen war; verlassen wie ein Teich am Abend, in weiter Ferne, aus einem Zugfenster gesehen, so rasch verschwindend, dass der Teich, abendbleich, seiner Einsamkeit kaum beraubt wird, wenn ihn auch einmal ein Blick trifft.« Eine der Funktionen meiner Musik zu To the Lighthouse besteht gerade darin, eine klingende Landschaft zu erzeugen. In diesen Momenten, denke ich, lässt sich diese gewaltige, leblose 24

und weitläufige Szenerie tatsächlich hören. Als ob sie nur auf einen einzigen Moment, eine Bewegung, ein Lebenszeichen wartete, das unserer Existenz und dem Kampf unseres Daseins einen Stoß gibt, trotz des Todes. Virginia Woolfs Sprache benutzt verschiedene Dimensionen von Stimme, vor allem innerer Stimmen. Dazu zählen Gedanken, Ängste, unausgesprochene Emotionen. Die menschliche Stimme ist auch in der instrumentalen Komposition der Oper von hoher Bedeutung. Wie werden die Stimmen der Sänger in der Partitur behandelt? Die Stimme ist das stärkste Element, mit dem ich in meiner Musik arbeite. Eine Stimme wird mit vielen Ebenen im zwischenmenschlichen Verhältnis in Verbindung gebracht. Gleichzeitig ist sie der Inbegriff von Klang in seiner ältesten bekannten Form. Bei einer Oper, die auf Virginia Woolf basiert, kommen diese beiden Aspekte dann zusammen. Einerseits musste ich die Geschichte erzählen, wie sie das Libretto vorgibt. Andererseits war es erforderlich, tief in Woolfs Sprache einzutauchen. Sie verwendet die Sprache auf eine Weise, die, meiner Meinung nach, beinahe als zerlegt bezeichnet werden könnte. Diese Tatsache bringt es mit sich, die Stimme so einzusetzen, dass sie nicht nur die Geschichte erzählt, sondern sich auch diese weiteren Aspekte in ihr wiedererkennen lassen. Um ein Beispiel zu nennen: Die zwanghafte Unsicherheit einer der Charaktere, Lily Briscoe, brachte mich dazu, ihre Sätze in der Oper auf einzelne Silben zu reduzieren. Das setzt natürlich voraus, dass das dominierende Gefühl durch andere Mittel ausgedrückt wird. Eine weitere von mir häufig verwendete Technik ist das innere Sprechen oder Singen. Die Anweisung an die Sänger lautet, die Worte für sich selbst zu transportieren, ganz weit hinten in ihrem Mund, wie sanftes Murmeln. Durch die Mikrophone verstärkt, vermittle ich bewusst bestimmte Wörter durch dieses Gemurmel und kreiere dadurch eine Stimme mit mehreren Ebenen, eine Art Polyphonie zwischen Gedanken und gesprochener Sprache, zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein. Mrs McNab ist ein anderer, außergewöhnlicher Fall. Ernst Binder lässt die alte Haushälterin den zweiten Teil der Oper erzählen. In »Time Passes«, wie diese Episode überschrieben ist, werden zehn Jahre relativ knapp und distanziert erzählt. Diese beinahe außerhalb der Zeit stehende Figur trägt Geschichten voller Verlassenheit und ZESSES SEGLIAS 25

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