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Programmheft To The Lighthouse 2017

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Werkstattbühne To the Lighthouse von Zesses Seglias Kammeroper in drei Teilen Libretto von Ernst Marianne Binder nach Virginia Woolf In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln Uraufführung Premiere: 16. August 2017 - 20.00 Uhr Dauer: 1 ½ Stunden (ohne Pause)

TO THE LIGHTHOUSE EINE

TO THE LIGHTHOUSE EINE GESCHICHTE ÜBER DAS MENSCHSEIN Mein Blick fällt vom Schreibtisch auf der Terrasse des steinernen Hauses, in dem ich am Libretto zur Oper To the Lighthouse nach dem Roman von Virginia Woolf arbeite, auf einen kleinen Leuchtturm am Ende der Bucht an der dalmatinischen Meeresküste, in der das kleine Fischerdorf Vinišće liegt. Oft schaue ich wehmütig zu ihm und frage mich, ob er mich davor bewahren wird, in meinen dunklen Nächten an den metaphorischen Klippen der Auseinandersetzung mit einer der interessantesten und tiefgründigsten AutorInnen des 20. Jahrhunderts zu zerschellen? »Die tragische, ja mythische Qualität dieses Frauenlebens spielt bei der Rezeption von Virginia Woolf keine geringe Rolle«, stellt der Anglist und Übersetzer Werner von Koppenfels schon 1989 fest und das gilt auch 25 Jahre später noch: »Dabei steht das biographische und psychologische Interesse an der feinnervigen Zeitzeugin und Symbolfigur der Frauenbewegung im Vordergrund. Freilich gilt nach wie vor ihr Name als Markenzeichen für den modernen Bewusstseinsroman und die weibliche Schreibweise. [...] Die aktuelle, differenziertere Sichtweise drängt den Ruf des Elitären und Damenhaften in den Hintergrund, der ihr lange anhing und ihr den wenig schmeichelhaften Spottnamen ›Joyce for Ladies‹ einbrachte.« 6

Denn dreierlei hatte sie mit Meister James Joyce gemein: das Geburtsjahr (1882), das Todesjahr (1941) und eine neue Sprache, die nicht vom Gesehenen handelt, sondern den Wahrnehmungsprozess analysiert und zu verstehen versucht, was beim Sehen geschieht. Eine vierte Gemeinsamkeit möchte ich hinzufügen: Beide haben nie den Nobelpreis erhalten. Wie also mit einem Werk umgehen, dessen Fokus stets auf der Intensität des Augenblicks liegt? In dem Gedanken und Fragen die Handlung überwuchern. Wo äußere Geschehnisse kaum Bedeutung haben im Vergleich zu dem nie abbrechenden Versuch des menschlichen Geistes, die Wurzel jeder Empfindung zu fassen, um dem Geheimnis des Dauernden und Unvergänglichen nachzuspüren. ERNST BINDER Die Handlung spielt in einer vergangenen Zeit. Das Gestern ist das Fenster in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht die Gestalt der Mrs Ramsay, die geliebt und bewundert, beneidet und missverstanden wird. Sie ist stärker und sicherer als ihr Mann, ihre Wirkung überdauert die Zeit und den Zerfall und den Schmerz. Das Beispiel ihrer Existenz eröffnet allen anderen neue Möglichkeiten und Dimensionen ihres eigenen Lebens. Und sie weiß, »dass es keine Vernunft, keine Ordnung, keine Gerechtigkeit gibt, sondern Leiden, den Tod, die Armen; dass keine Niedertracht zu niedrig ist, als dass die Welt sie nicht begeht, und kein Glücklichsein von Dauer ist.« Die Schwierigkeiten bei der Erstellung eines Librettos liegen auf der Hand. Dass man sich bei einer so facettenreichen Autorin entscheiden muss, worauf man sein Augenmerk legt, halte ich für eine Selbstbeschränkung, die ich mir nicht auferlegen möchte. Letztlich muss etwas Neues entstehen, etwas, das genau so viel mit mir – und im weiteren Verlauf des Projektes mit dem Komponisten der Oper – wie mit Woolf zu tun hat. Ohne dass ich jetzt irgendeine Form der Urheberschaft erweitern wollte, sehe ich mich bei dieser Arbeit doch in einem gewissen Sinne als Bruder im Geiste Woolfs. Im Lauf der Auseinandersetzung mit diesem Text ist mir klar geworden, dass ich dem Roman in diesem Libretto nicht gerecht werden kann, ohne mich selbst dieser Geschichte auszusetzen. Ohne für mich selbst den Grund zu finden, diese Geschichte erzählen zu müssen. Ohne mich selbst zu stellen, wird es nicht funktionieren, diese Geschichte zur Geschichte des Zuhörers und Zusehers in Form eines Publikums zu machen. 7

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