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Programmheft Turandot 2016

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Spiel auf dem See Turandot von Giacomo Puccini Premiere: 21. Juli 2016 - 21.15 Uhr Lyrisches Drama in drei Akten und fünf Bildern (1926) Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni Schlussduett und Finale vervollständigt von Franco Alfano In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

»Wer mich zur Gattin

»Wer mich zur Gattin begehrt, der soll mich nicht bloß aus der Ferne anschwärmen, sondern er soll herkommen in mein Schloss, um mich anzuschauen wie der Nachtfalter das Licht! Dazu ist allerdings ein Mann vonnöten und keine Memme. Er braucht tausend Leben statt nur ein einziges – und er hat, will er mich gewinnen, vier Bedingungen zu erfüllen: erstens muss er vornehm sein und schön; zweitens den Schwertzauber lösen, der ihm den Weg versperrt; drittens – gelingt ihm dies – das Tor finden, das ihn zu mir führt, denn ich will keinen sehen, der übers Dach bei mir einsteigt; und viertens endlich, wenn er so weit gelangt ist, muss er die Rätsel lösen, die ich ihm stellen werde im Palast und in Anwesenheit meines Vaters. Löst er auch diese, so erlangt er meine Hand und damit das Elixier der Glückseligkeit – bleibt er mir die richtige Antwort aber schuldig, so verliert er sein Leben.“ Mit diesen Worten formulierte die russische Prinzessin Turandocht kaum zu bewältigende Herausforderungen für einen Mann in einer der frühen Quellen für Giacomo Puccinis Opernstoff Turandot. Viele Verwandlungen durchlief dieser Stoff, bevor daraus eine italienische Oper über eine chinesische Prinzessin wurde. In sämtlichen Versionen sind die Männer scharenweise von der Prinzessin fasziniert, die versucht, sich ihre Bewerber durch Rätsel vom Leib zu halten. Wer sie nicht lösen kann, bezahlt mit seinem Leben. Die kulturelle Umgebung, die Art der Rätsel und die Charakterisierung der einzelnen Figuren unterscheiden sich aber extrem. Erst bei Puccini erhielt der Stoff eine psychologische Dimension. Der persische Dichter Nizami, der von 1141 bis 1202 oder 1203 in Transkaukasien lebte, hat dieses Märchen aufgeschrieben. Seine Prinzessin zog mit ihrer Schönheit, Klugheit und ihren magischen Kräften so viele Männer an, dass sie sich von ihrem Vater auf einem einsamen Gipfel eine Burg bauen ließ, um den Bewerbern zu entkommen. Sie hatte das Alleinsein schon immer geliebt und wollte auf alle Mitmenschen und vor allem einen Mann verzichten. „Sie, Turandocht, die selbst einen so männlichen Geist in einem weiblichen Körper besaß!“ Spielerisch nutzte die Prinzessin ihre Fähigkeiten, um den Weg zu ihr beinahe unmöglich zu machen. Damit forderte sie die Männer umso mehr heraus. Turandocht formte Figuren aus Eisen und Stein mit je einem Schwert in der Hand, die geheimnisvoll die Richtung zu ihrer Burg wiesen. Gemeinsam mit dem einleitend zitierten Text ließ sie ein von ihr gemaltes Selbstportrait in der Stadt aufhängen, „damit jedermann, der mich gewinnen will, es sehen und lesen kann“. Schon in dieser frühen Version ist es das Bild der Prinzessin, das die Männer in den Bann zieht. Im späteren persischen Märchen aus der Sammlung Tausendundeintag, wodurch der italienische Dichter Carlo Gozzi diesen Stoff kennenlernte, verabscheut Prinz Kalaf das grausame Gesetz der Prinzessin so lange, bis er ihr Bild sieht. In Puccinis Oper erblickt der unbekannte Prinz zwar Turandot leibhaftig im ersten Akt, doch sie spricht nicht und fasziniert durch ihr geheimnisvolles Erscheinen. 63 TURANDOT

»Ich sehe ihr strahlendes Antlitz! Ich sehe sie! Sie ruft mich! […] Ich bin wie im Fieber, ich bin in Raserei!« Puccinis Prinz entschließt sich sofort, die Rätsel lösen zu wollen. In Nizamis Märchen erliegt der Prinz zwar ebenso schnell Turandochts Attraktivität, doch nimmt er erst eine lange Reise auf sich, bevor er sich ihren Herausforderungen stellt. Abgeschreckt von den Köpfen der gescheiterten Bewerber, die Turandocht neben ihrem Bild am Stadttor aufhängen ließ, versucht er sich für alle Eventualitäten zu wappnen: „Er suchte Gelehrte auf, fromme Männer und auch Herbergen, in denen welterfahrene Reisende zu treffen waren, und einer von diesen erzählte ihm eines Tages von einem Weisen, der wie ein Engel oder wie der Wunderdoktor Simgorgh geartet sei, Dämonen zu bannen verstehe und alle Geheimnisse dieser Welt bis auf den Grund erkannt habe“. Die Erfahrungen und das Wissen dieses Mannes bestärken den Prinzen in seinem Ziel, doch seine Motivation hat sich verändert: „Nicht meinetwegen ziehe ich aus, denn ich habe die Leidenschaft in meinem Innern besiegt, aber diesem Blutvergießen muss ein Ende gemacht werden. Entweder gelingt mir das, oder dann soll auch mein Kopf hier am Tor hängen!“ Diese gesellschaftliche Dimension ist in Puccinis Oper nicht zu hören, dort erscheint der Prinz weniger überlegt als vielmehr besessen, wenn er singt: „Ich sehe ihr strahlendes Antlitz! Ich sehe sie! Sie ruft mich! […] Ich bin wie im Fieber, ich bin in Raserei!“ Ähnlich wie bei Nizami sind bei Puccini die Rätselfragen ein öffentliches Ereignis. Zwar werden die politischen Ehren dem Prinzen im Märchen nur zuteil, weil er schon die ersten drei Prüfungen bestanden hat, bevor er sich den Rätselfragen stellen darf, die bei Puccini die einzige Prüfung sind. Doch bei Nizami wie in der Oper genießen die Anwesenden das spannende Spektakel: Der Jüngling wird morgens an den Hof des Königs gerufen, „wo die Großen des Reiches schon versammelt waren. Ein Festschmaus erwartete die Gäste, und die goldenen Speiseplatten bogen sich unter der Überfülle von Köstlichkeiten. Der König und sein Hofstaat erwiesen dem tapferen Prinzen die höchsten Ehren, und nachdem jedermann nach Herzenslust gegessen und getrunken hatte, befahl der Herrscher, dass in der Palasthalle die Prüfung beginnen solle.“ In Carlo Gozzis Theaterstück Turandot, das 1762 in Venedig uraufgeführt wurde und Puccini und seinen Librettisten als unmittelbare Vorlage diente, gibt es vor der Rätselszene eine große Zeremonie mit einem „Marsch mit Trommelwirbel“. Der König erscheint mit Doktoren und Ministern, Sklavinnen und Eunuchen. Puccinis opulente Massenszene in der Mitte des zweiten Aktes hat hier ihr Vorbild, in der Oper spielt sie auf dem „weiten Platz vor dem kaiserlichen Palaste“. WANDLUNGEN EINES MÄRCHENS 64

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